Fall Kachelmann: Zum Fest der Liebe schiesst „Bild“ noch einmal aus vollen Rohren

Posted on 22. Dezember 2010

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© Rolf Handke / pixelio.de

Der Prozess um Herrn Kachelmann vor dem Landgericht Mannheim treibt schon seine seltsamen Blüten – und damit sind nicht nur die Vorgänge im Gerichtssaal selber gemeint, sondern auch die diversen Kommentare in den Medien; und jetzt, kurz vor Weihnachten, legt die „Bild“ noch einmal richtig nach und lässt ihre Kolumnist(inn)en Alice Schwarzer und Franz Josef Wagner noch einmal so richtig aus dem Vollen schöpfen; deren Pamphlete muss man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen:

(Klick) und (Klick)

Da ist zunächst einmal Alice Schwarzer, die selbsternannte Rächerin alle Frauen dieser Welt, die neue Gerichtsreporterin, die inzwischen bei eigener weitgehender Abwesenheit vom Prozess trotzdem der Meinung ist, der geneigten Leserschaft ihre intimen Ansichten zu präsentieren:

  • Der neue Verteidiger des Angeklagten, Herr Rechtsanwalt Johann Schwenn aus Hamburg, bekommt es von ihr knüppeldick: er wird erst einmal ironisch zum „Staranwalt“  – natürlich in Ausführungszeichen gesetzt, dann wird er reduziert auf Prozesse in Sexualverfahren (und dort wird wieder einmal mit den Ausführungszeichen gearbeitet, obwohl es gerade Strafverteidiger Schwenn zu verdanken ist, dass ein Unschuldiger aus der Haft frei kommen konnte), dann „disst“ (ein Slangausdruck (Klick), dessen Verwendung dann doch schon Rückschlüsse auf die Schreiberin zulässt) der Rechtsanwalt angeblich Staatsanwaltschaft, Gericht, Sachverständige und Zeugen, und zusätzlich zeigt sich Frau Schwarzer noch extrem genervt von seinem „nasalen, monotonen Dauerredeschwall“. Jawohl, so sehen distanzierte, sachliche Berichte von Strafprozessen aus, frei von jeglichen persönlichen Animositäten und Anfeindungen, da können sich andere Journalisten ein Beispiel nehmen.
  • Aber wenn Frau Schwarzer erst in Fahrt ist, dann richtig: Ja, und dann erst der Kachelmann, der süffisant lächelnde, mit seinem iPad spielende Angeklagte, jede Faser von Frau Schwarzer sperrt sich dagegen, mit diesem Mann mal bekannt gewesen zu sein, anders ist es kaum zu verstehen, wie sie ihn in ihren „Berichten“ persönlich angreift und niedermacht.

Aber eigentlich wird sehr schnell deutlich, dass die ehemals grosse Frauenrechtlerin und Überwinderin von gesellschaftlichen Tabus eigentlich nur deswegen so böse auf ihn, den Wetteransager, Moderator und (vor dem Prozess) erfolgreichen Unternehmer, ist, weil er ihre moralischen Kriterien verletzt – und weil dieser unmoralische Kerl auch noch durch die Unschuldvermutung des Gesetzes geschützt wird. Schon fast kleinbürgerliche Moralvorstellungen offenbarend mokiert sich Frau Schwarzer über den Mann mit dem „absurd rastlosen, verlogenen Leben. Dieses Leben mit mindestens sechs Frauen gleichzeitig, denen er allen die Ehe versprochen hatte.“ Und sie fragt sich, „ob dieser TV-Meteorologe überhaupt noch aus dem Fenster gucken konnte. Er muss doch Tag und Nacht über seine Handys und Computer gebeugt gewesen sein, um seine zahlreichen Quasi-Ehefrauen Online zu halten.“ Genau, darum geht es ihr; um die falschen Moralvorstellungen des Herrn Kachelmann, und dafür soll er büssen, egal, ob man dafür fundamentale Rechtsgrundsätze wie die Unschuldsvermutung opfert oder nicht. Als ob sie das Privatleben von Herrn Kachelmann irgend etwas angehen würde.

Nun ja, schön sind sie nicht, diese Anfeindungen der Herausgeberin der Zeitung „Emma“, die sich jetzt in der „Bild“ verbreitet. Aber immer noch appetitlicher als diejenigen des Kolumnisten Franz Josef Wagner, der Herrn Kachelmann „herzlichst“ grüssen lässt, nachdem er ihn vorher persönlich angegangen hat – und zwar ebenfalls aufgrund seiner eigenen Moralvorstellungen, die denen der Frau Schwarzer auffallend (und deswegen so überraschend) ähnlich sind:

  • „Wie tief unten sind Sie? Ihre sexuellen Wirrungen kommen zur Sprache (Öffentlichkeit ausgeschlossen). All Ihre gleichzeitigen Beziehungen zu 10, 20 Frauen. Sie haben vielen Frauen Liebe versprochen. Sie sind ein Vagabund der Liebe, Sie sind ein Lump der Liebe.“

Ja, so outet er sich, der saubere Herr Wagner, doch bei ihm als Mann hat man durchaus das unangenehm berührende Gefühl, dass es eigentlich gar nicht sein gerade in der „Bild“- Zeitung reichlich aufgesetzt wirkendes Moralverständnis ist, was ihn zu diesen Äusserungen bewegt, nein, es macht eher der Eindruck, als spreche der reine Neid aus ihm – warum der Wetterfrosch, warum nicht ich…

Tatsächlich, den beiden Kolumnisten geht es nicht darum, dass Herr Kachelmann für eine Straftat verurteilt werden soll – wenn er sie denn begangen hat und wenn man sie ihm dann nachweisen kann. Ihnen geht es um seine gesellschaftliche Verurteilung für ein durchaus mit guten Argumenten als unmoralisch zu bezeichnendes  – aber eben nicht strafbares – Verhalten. Sie möchten ihn letztendlich für seine Promiskuität und für seine Spielchen mit den Gefühlen seiner diversen Ex-Geliebten durch das Landgericht Mannheim gerichtet sehen – und für den Fall, dass dieser Plan scheitert, richten sie ihn schon einmal medial selbst.

So findet sich, was doch eigentlich jahrzehntelang nicht zusammenpasste: die Frauenrechtlerin und der „Bild“-Kolumnist, und dies alles nur, um einem leidlich prominenten Wettermoderator den (Zerr-) Spiegel ihrer Moral – oder der vermeintlich billig und gerecht denkenden Mehrheit – vorzuhalten.

Ob die beiden Protagonisten damit allerdings die moralischen Regeln eines seriösen Journalismus einhalten – und damit überhaupt qualifiziert sind für die selbstbeanspruchte Position der Richter im Namen der Moral – sei an dieser Stelle leise hinterfragt.

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ (König Friedrich II. von Preussen)

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