Geschieht ihm doch recht, dem Kachelmann!

Posted on 12. Mai 2011

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© Gerd Altmann / pixelio.de

Dies ist einer der Thesen, die man „zwischen den Zeilen“ aus vielen Presseveröffentlichungen und ganz offen in vielen Einträgen in Internetforen und -blogs anlässlich des derzeit laufenden Prozesses gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann wegen Vergewaltigung vor dem Landgericht Mannheim lesen kann: er habe sich doch ausgesprochen unmoralisch gegenüber seiner diversen Geliebten verhalten und deren Vertrauen massiv missbraucht, und da sei es vielleicht nicht unbedingt recht, aber zumindest mehr als billig, wenn er jetzt durch das Verfahren (einschliesslich seiner durch das OLG Karlsruhe aufgehobenen Untersuchungshaft) nun sowohl menschlich als auch finanziell massiv beschädigt werde – und zwar selbst dann, wenn er gar keine Vergewaltigung begangen habe oder sie ihm jedenfalls nicht nachgewiesen werden könne.

Das Strafverfahren also als gerechte Strafe für ein unmoralisches Leben – eine durchaus gewagte These, vielleicht in Anlehnung an das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, oder vielleicht „Wie Du mir, so ich Dir – zerstörst Du mein Leben, zerstöre ich Deins?

Genauso gewagt übrigens wie eine andere These aus demselben „Lager“: Jörg Kachelmann sei eigentlich schuldig, aber durch die Armada der von ihm bezahlten (Star-) Anwälte und Sachverständigen könne er seiner – vermeintlich – gerechten Strafe entkommen, dies wiederum habe fatale Folgen für andere Verfahren, weil noch mehr (weibliche) Opfer von einer Strafanzeige abgeschreckt würden. Schon allein deswegen müsse er, auch wenn die Beweise zweifelhaft seien, verurteilt werden – im Zweifel also aus Schutzgedanken gegenüber dem (vermeintlichen) Opfer und weiteren zukünftigen Opfern eine Entscheidung gegen den Angeklagten.

Letzteres scheint auch die Auffassung des mannheimer Staatsanwaltes Lars Torben O. zu sein, die er in seinem überraschenden Kommentar zur Aussage der Anzeigeerstatterin: „Es ist nicht widerlegt, dass es doch so war, wie sie es geschildert hat.“ zum Ausdruck brachte.

Beide Thesen setzen natürlich voraus, dass man 2 Prämissen als wahr unterstellt:

    • Jörg Kachelmann hat die Frau vergewaltigt.
    • Der Lebenswandel des Jörg Kachelmann ist unmoralisch und muss geahndet werden.

Aber wenn man die erste These umkehrt – was zum derzeitigen Zeitpunkt nach meiner Meinung durchaus legitim ist -, was für ein Bild ergibt sich dann?

Nehmen wir also einmal an, Jörg Kachelmann hat die Frau nicht vergewaltigt, welche Botschaft geht dann von diesem Verfahren aus; ich bin ja auch in Familiensachen tätig, und da gibt es schon des öfteren Verfahren, in denen der Vorwurf der Gewalt, und auch der sexuellen Gewalt, gegen Familienangehörige instrumentalisiert wird. Häufig geschieht dies in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren, denn allein der erhobene Vorwurf der Gewalt gegen Frauen und Kinder reicht in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle (um ehrlich zu sein, in praktisch allen Fällen, die mir bekannt sind), um eine für die Anzeigeerstatterin positive Folge herbeizuführen: Sorgerechtsverlust bzw. zumindest Sorgerechtseinschränkung des angezeigten Vaters sowie Verlust bzw. massive Einschränkung der Umgangsrechtskontakte. Und in einer sehr grossen Anzahl von Fällen – jedenfalls bei mir – stellt sich im Nachhinein heraus, dass die Vorwürfe falsch, mindestens aber nicht nachweisbar waren – und trotzdem verlieren die denunzierten Männer ihre Rechte und erhalten sie auch nachträglich nicht zurück.

Man kann also durchaus feststellen: allein der Vorwurf der Ausübung von sexueller Gewalt stigmatisiert den vermeintlichen Täter und beraubt ihn massiv seiner Rechte, auch wenn sich im Nachhinein die Haltlosigkeit der Vorwürfe herausstellt.

Nimmt man aber diesen Fakt als gegeben an, dann geht von dem Kachelmannprozess eine ganz fatale Botschaft aus: eine Frau kann einen Mann des sexuellen Übergriffs bezichtigen, und zwar mit einer so herbei gesuchten Story, dass selbst einer der Richter im Strafverfahren diese Lügen erkennt und sich fragt, warum sie, die Frau, so schlecht lügt – und trotzdem

    • kann der betroffene Mann sich nur mit Staranwälten und ganzen Heerscharen von Sachverständigen gegen diesen Vorwurf wehren und
    • bleibt am Ende trotzdem stigmatisiert, menschlich und finanziell vernichtet zurück.

Und all dies ist für die Frau weitgehend folgenlos, weil ihr am Ende noch Traumatisierungstheorien und der dann für sie umfänglich greifende Grundsatz „in dubio pro reo“ hinreichend Schutz vor einer eigenen Sanktionierung bietet. Kurz: wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet, dann ist das Verhalten der Ermittlungsbehörden, der Staatsanwaltschaft und des Gerichts in Mannheim ein solches, dass befürchten lässt, dass es zukünftig nicht zu weniger, sondern eher zu mehr Falschbezichtigungen kommen wird – zumal die meisten, die von solchen Vorwürfen betroffen sind, nicht über die finanziellen Mittel zu ihrer Verteidigung wie ein Herr Kachelmann verfügen…

Kommen wir zu der anderen These, die Ahndung des unmoralischen Lebenswandels des Herrn Kachelmann durch ein Strafverfahren aufgrund einer mutmasslich falschen oder jedenfalls im Ergebnis nicht auf ihre Wahrheit zu überprüfenden Anzeige.

Nur dazu gleich am Anfang: ohne mich besonders weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, würde auch ich das Verhalten des Herrn Kachelmann gegenüber seinen vielen Geliebten als durchaus unmoralisch ansehen – und diese öffentliche Aussage kann ich allein schon deshalb guten Gewissens treffen, weil der Wettermoderator selbst inzwischen hat verlauten lassen, dass er sich bei einer ganzen Menge Menschen noch entschuldigen müsse; man kann wohl daraus mit Fug und Recht schliessen, dass auch er seine Lebenswandel in den letzten Jahren und in Bezug auf seine Geliebten als eher unmoralisch ansieht.

Allerdings stellt sich dann die Frage: Kann ich Unmoral mit Unrecht vergelten? Darf ich jemanden, der mich zwar moralisch verwerflich, aber strafrechtlich irrelevant ausgenutzt hat, zu Unrecht mit einem Strafverfahren überziehen in der Hoffnung, dass allein durch die Beschädigung im Rahmen dieses Verfahrens sein moralisches Fehlverhalten sozusagen „aufgewogen“ wird.

Ich meine: Nein! Nicht umsonst gibt es keine „Gleichheit im Unrecht“, sondern nur eine solche im Recht. Ohne Wenn und Aber; damit wird eine Grenze überschritten, die es zu achten gilt, und damit wird ein instrumentalisiert für etwas, dem es in keinem Fall dienen darf.

Aber damit sind wir bei der Ohnmacht, die jeden befällt, der sich mit der Sühne von Unmoral oder Unrecht beschäftigt: an einer bestimmten (und manchmal vielleicht viel zu frühen) Stelle muss man die Unmoral – und sogar das Unrecht – unsanktioniert lassen, und zwar schlicht und ergreifend, um seine vielleicht sogar berechtigte Abscheu über das Fehlverhalten eines anderen nicht dadurch zu entwerten, dass man selbst unmoralisch oder unrechtmässig handelt. An diesem Punkt hilft eben nicht, mit den gleichen schmutzigen Waffen zurück zu schlagen, sondern nur noch eine gewisse Standhaftigkeit des moralisch oder gerecht Denkenden.

Gut, das klingt jetzt vielleicht ein wenig hochtrabend, aber man kann es auch wieder auf den Boden (und damit auf den Fall Kachelmann) zurückbringen: natürlich habe ich Verständnis dafür, dass die Anzeigeerstatterin sich an Herrn Kachelmann rächen will für sein moralisch verwerfliches Verhalten ihr gegenüber, aber – wenn sie nicht vergewaltigt worden ist – für ihre angewandte Methode habe ich kein Verständnis, denn damit setzt sie sich moralisch genauso ins Unrecht wie Herr Kachelmann vorher – und geht sogar noch darüber hinaus, wenn sie nicht nur unmoralisch handelt, sondern sich durch die dann vorliegende Falschbezichtigung sogar noch strafbar macht. Man kann Unrecht eben nicht mit Unrecht aufwiegen, und noch weniger kann Unrecht dazu dienen, Unmoral auszugleichen.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, der wird mir hoffentlich zustimmen: je nach gewähltem Ausgangspunkt (Vergewaltigung Ja oder Nein) kommt man zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, und da wiederum offenbart sich das eigentlich Teuflische an diesem Prozess: man weiss sehr Vieles, doch eben nichts Entscheidendes, und dies geht im Grunde genommen den direkt Beteiligten genau so, denn etwas besonders Erhellendes ausser einem mehr oder weniger deutlichen „Vielleicht“ hat das gesamte Verfahren nicht erbracht.

Die sich daraus ergebende Konsequenz? Man wird zurückgeworfen auf den Grundsatz „in dubio pro reo“, auch wenn Lars Torben dies noch nicht so recht einsehen will.

Aber ist das jetzt schlimm? Nach meiner Einschätzung nicht, denn eigentlich ist dieser Grundsatz ein Ausfluss der oben schon dargestellten Grundsätze: wenn derjenige, der rechtmässig handeln will, nicht abschliessend und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen kann, dass er zu Recht handelt, dann muss er das Handeln unterlassen – und im Sinne seiner eigenen moralischen Unangreifbarkeit akzeptieren, auch einmal ein strafrechtlich relevantes Verhalten unsanktioniert zu lassen; nur dann wird er seinem eigenen Anspruch gerecht und kann diesen auch in später wieder einfordern.

Keine Frage, im Einzelfall kann dies durchaus sehr unbefriedigend sein – und im Fall Kachelmann wird es definitiv unbefriedigend sein, egal, zu welchem Ergebnis das Landgericht Mannheim oder unter Umständen der Bundesgerichtshof am Ende kommen wird. Doch ist dieser schale Beigeschmack, welchen der Prozess unabhängig von seinem Ergebnis am Ende hinterlassen wird, ein Stück weit auch darauf zurückzuführen, dass die Verfahrensbeteiligten nicht frühzeitig darüber nachgedacht haben, welche Folgen ihr oft sehr voreiliges Handeln in einer Gesamtschau haben wird. Manchmal verlangt eben auch die Rechtsfindung (nicht das Finden von Gerechtigkeit!) ein gewisses taktisches Verständnis… aber vielleicht sitzen deswegen die einen Richter am Landgericht Mannheim – und die anderen am Oberlandesgericht Karlsruhe, wer weiss.

Photo: www.pixelio.de

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