Fussball: Mitarbeiter der TSG Hoffenheim „beschallt“ gegnerische Fans

Posted on 17. August 2011

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© Spiegel Online

Es ist ja immer wieder nett, wenn man auch im gegnerischen Stadion die Hymne „96, Alte Liebe!“ hört – das fördert den Gemeinsinn der Fans, hebt die Stimmung, verbessert das Klima.

Und so ist man im ersten Augenblick durchaus positiv überrascht, wenn man hört, dass sich ein Mitarbeiter der TSG 1899 Hoffenheim – angeblich ohne Kenntnis irgendeines anderen Verantwortlichen dort – die Mühe macht, extra eine Lautsprecheranlage zu bauen und diese direkt unter halb des gegnerischen Fanblocks aufzustellen; das ist doch endlich mal Service am gegnerischen Fanlager, welches sich ja ansonsten in der  Fremde regelmässig eher stiefmütterlich behandelt fühlt.

Doch, oh Graus, der Mitarbeiter von der SAP-Unterabteilung Fussball muss etwas falsch verstanden haben, denn in den Spielen des TSG „Hopp“elheim gegen Dortmund, Mainz, Köln und Frankfurt kam aus der so liebvoll selbstgebastelten Anlage nicht etwa die Vereinshymne der gegnerischen Mannschaft, es tönten daraus auch keine Anfeuerungen für diese Teams oder gar die Anweisungen des Capos (also des Koordinators der Fangesänge) der gegnerischen Ultras – Nein, aus den dortigen Lautsprechern entwichen zielgerichtet hochfrequente Töne, die als extrem laut, kreischend und piepsend beschrieben werden – und bei einigen Anhängern des amtierenden Deutschen Meisters zu Hörstürzen geführt haben sollen.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft und der DfB gegen die Verantwortlichen und wohl auch gegen den Retortenclub selbst, und die Beschallungsanlage wird einer gutachterlichen Überprüfung ob ihrer Eignung zur Körperverletzung unterzogen; so gibt es jetzt erste Informationen über die Beschaffenheit des Geräts: Die Apparatur ist 130 x 100 Zentimeter groß und damit ziemlich unübersehbar; es handelt sich nach Angaben der Polizei um zwei über einen Verstärker betriebene Druckkammer-Lautsprecher, die über ein ca. 60 Meter langes Kabel von der dem Auswärts-Fanblock gegenüberliegenden Stadionseite mit einem Laptop gesteuert wurden – was eine nicht unerhebliche Installationsleistung im Sicherheitsbereich eines Stadions darstellt. Ebenfalls sichergestellt wurde eine Holzkonstruktion, auf die die Apparatur mobil montiert werden konnte (Klick).

© Spiegel Online

Interessant dabei sind die Hintergründe, die über diesen zunächst als Aktion eines „Einzeltäters“ dargestellten Schallangriff gegen den Gegner nach und nach bekannt werden, so da wären:

  • Die Beschallungsanlage wurde von einem Mitarbeiter der TSG aufgestellt – und dabei steht „TSG“ doch gar nicht für „Transportable Schallerzeugungs Gesellschaft mbH“…
  • Sie stand im abgesperrten Bereich, der nur von Offiziellen betreten werden darf.
  • Sie war vor neugierigen Blicken durch eine (schalldurchlässige) Werbeplane geschützt.
  • Sie wurde bei mindestens 4 Bundesligaspielen eingesetzt.
  • Sie wurde zielgerichtet nur gestartet bei Schmährufen gegen den grossen Mäzen der TSG, Herrn Dietmar Hopp.

Mag sich jeder ein Bild darüber machen, wer hinter dieser Aktion steckt: handelte es sich tatsächlich um die Handlung eines einzelnen Mitarbeiters gerade des Verein in der Bundesliga, bei dem es anscheinend bei Heimspielen an dem notwendigen Support fehlt, um sich gegenüber den „Gäste“fans stimmlich durchzusetzen? oder, anders gefragt: Ziehen auch sie sich morgens mit der Kneifzange die Hosen an? Nun, mein Sohn ist jedenfalls glühender Fan von Hannover 96 und glaubt auch noch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen… und damit sicherlich auch an den Alleintäter, der heimlich und ohne Kenntnis der Vereinsoffiziellen eine 1,00m x 1,30m grosse, auf einem mobilen Holzgestell installierte Beschallungsanlage in den Sicherheitsbereich eines Bundesligastadions bringt, diese mit einem 60m entfernten Laptop verbindet und dann ohne jede Wahrnehmung durch den Verein während 4 Bundesligaspielen betreibt.

Aber natürlich hat Mäzen Hopp damit nichts zu tun: „Bei allem, was mir heilig ist, kann ich schwören, das nicht gewusst zu haben. Stellen Sie sich doch mal vor, es wäre so gewesen und dann herausgekommen. Das wäre ja ultrapeinlich“, so soll sich Dietmar Hopp gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ nach Bericht von focus.de geäussert haben (Klick). Bei 4 Bundeligaspielen wurde diese Schallattacke durchgeführt und keiner im Club will etwas davon gewusst haben… Es wird spannend sein, zu beobachten, was Herrn Hopp so Alles heilig ist, denn die Ermittlungen sind ja noch nicht abgeschlossen…

Und der Mitarbeiter, der vor Ort die Anlage aufgebaut hat (noch einmal, im abgesperrten Sicherheitsbereich des Stadions)? Gegen ihn hat die TSG jetzt arbeitsrechtliche und disziplinarische Schritte eingeleitet (Klick). Könnte das vielleicht ein Bauernopfer (im wahrsten Sinne des Wortes) sein oder tatsächlich die nachvollziehbare Reaktion eines vom dreisten Verhaltens seines Arbeitnehmers überraschten Arbeitgebers? Meine Mama sagte immer: „Wer es glaubt, wird selig, und wer es nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel!“

Durchaus zustimmen kann man Herrn Hopp, wenn er es jetzt bedauert, dass durch diese Aktion der sportliche Erfolg seiner Truppe in den Hintergrund geraten sei. Nur sollte man sich dort vor Ort deswegen wohl eher an die eigene Nase fassen als nun auch noch schmierenkomödiantisch sich zum Opfer machen zu wollen. So jedenfalls muss man wohl seinen weiteren unsäglichen Kommentar bewerten: „Man sollte ja nicht vergessen, dass das nur eine Reaktion auf eine jahrelange Aggression war. Und der Mann hat halt noch irgendwo ein Gerechtigkeitsgefühl. Dass er über das Ziel hinaus geschossen ist – okay (Klick).“

Aha, der Angestellte hat also „irgendwo“ noch ein Gerechtigkeitsgefühl! Das lasse ich dann mal so stehen – kopfschüttelnd über das Gerechtigkeitsgefühl, welches wohl offensichtlich bei Herrn Hopp und seiner Abteilung Schallattacke herrscht. Haben wir es da vielleicht mit Allmachtsphantasien zu tun – in Verbindung mit dem Wunsch der Wiedereinführung des Fausrechts? Jedenfalls deutet eine weitere Äusserung des Mäzen hin: „Wer mich 90 Minuten lang permanent beleidigt, sollte nicht so mpfindlich reagieren. Wenn die BVB-Fans Anzeige erstatten, dann müsste ich 200 Anzeigen wegen Beleidigung erstatten“, wird er in der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (RNZ) zitiert (Klick).

Natürlich sind Schmähgesänge nicht schön, und oft erfüllen sie auch den Tatbestand der Beleidigung. Aber dann mag Herr Hopp im Rahmen der geltenden Gesetze dagegen vorgehen – der Möglichkeiten gibt es ja neben der Anzeige wegen Beleidigung noch weitere, z.B. das gern genommene des Stadionverbots; und sage mir niemand, man könne die Schreihälse nicht ausfindig machen, dies gelingt ansonsten doch auch bei jedem grösseren und kleineren Vorgang in einem Bundesligastadion ; allerdings könnte sich Herr Hopp auch daran erinnern, dass es sich bei Spielen der Bundesliga immer noch um Fussball handelt, und dass es nicht erst seit der Entdeckung seines Interesses an einem Provinzverein Schmähgesänge in Fussballstadien gibt; vielleicht sollte jeder, der Schmähgesänge von Fans in Fussballstadien nicht ertragen kann (so der Mitarbeiter der TSG, aber anscheinend auch „Mister TSG“ persönlich), sich einer anderen Sportart zuwenden – Schach zB oder vielleicht Turmspringen. Und wenn es dann unbedingt Fussball sein muss: vielleicht kauft sich Herr Hopp noch genügend „Supporter“ und sorgt dadurch neben seinem durch viele Millionen Euro erkauften Bundesligaplatz auch für ein Umfeld, welches eines Bundesligisten würdig ist – oder er  erträgt ist, wenn man in seinem eigenen Stadion nicht „Herr im Hause“ ist. Auch dies gehört zum Fussball.

Ich bin nun wirklich kein Bayern-Fan, doch die Verantwortlichen und Angestellten der SAP-Lizenzspielerabteilung sollten mal bei den Münchnern in die Lehre gehen; dort können sie nämlich lernen, wie man mit jahrelangem Neid, Hohn und Spott der gegnerischen Fans in Würde fertig wird – ohne den Einsatz von Lautsprechern und ähnlichem Gedöns!

Und abschliessend: morgen gegen Sevilla werden in Hannover keine hochfrequenten Töne gegen Spanier eingesetzt, versprochen! Wir nehmen stattdessen hochmotivierte Norweger – das ist legal und sportlich fair. Und unser Trainer hat ihnen auch vor dem Spiel erklärt, wie man sich bei einem Freistoss verhalten muss, damit sie hinterher nicht so als Lachnummer dastehen wie die kurzbehosten SAPler.

Und trotzdem werden den gegnerischen Fans die Ohren glühen ob der Anfeuerung, die die „Roten Riesen“ (ganz vielleicht) zum Sieg treibt. Und wenn 96 verliert, dann in Würde und ohne schalltechnische Mätzchen; schliesslich sind wir weder ein Karnevalsverein noch das Anhängsel irgendeines Konzerns – das hat inzwischen sogar unser Präsident verstanden…

So, nun habe ich ja noch die Kurve bekommen, deswegen:

„Auf, Ihr Roten, Kämpfen und Siegen!“

(Hat ja gegen Hoffenheim diese Saison schon prima geklappt…)

Nähere Informationen und einen Videobericht finden Sie hier: http://www.spiegel.de/video/video-1143670.html#ref=rss