Amazon Fire: Ein Einschätzung nach meiner Einarbeitungsphase:

Posted on 6. Dezember 2011

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© Stefan Scherer

Auf einer Seite im Internet befindet sich zum Amazon Fire ein durchaus bezeichnender Eintrag für diejenigen, die mit dem Gerät bisher noch keinen persönlichen Kontakt hatten:

„Kann man mit einem Spar-pad ins internet ohne wlan (gemeint ist wohl UMTS)? Hat ein Spar-pad GPS? Wenn nicht, ist es mitnichten ein Bindeglied zwischen Smartphone und Ipad, sondern kann nicht viel mehr, als zuhause deine Kochrezepte darstellen. Diese ganzen tollen Smartphone-Features wie Routenplaner, Strassenkarte, etc, kann man vergessen Wenn dann beim Spar-pad auch noch die Sensoren minderwertig sind oder teilweise einfach nicht vorhanden, funktioniert auch kein Spiel vernünftig. 

Drauf hauen müsste man Version 3 oder 4, da erst hier Android so richtig auf Tablet optimiert wurde, was dann wenns dumm läuft zum Ruckeln führt, besonders bei 512 MB Ram.

Somit bleibt vom ganzen Android-Erlebnis nur ein Hauch übrig. Ebook/News, Kochrezepte. Ich denke Tablets sind nicht ohne Grund immer wieder gefloppt – sie sind fast nutzloser als Netbooks. wenn schon Tablet, dann bitte auch eines, welches das Potenzial von Android voll nutzen kann. Das soll hier keine Ipad-Bevorzugung sein, denn auch dieses ist klobig und die Sparversionen ebenfalls kastriert.“ (Klick)

Da steht Vieles drin, was klar erkennen lässt, dass der anonyme Autor dort über Dinge redet, die er selber noch garnicht ausprobiert hat – aber dazu später mehr. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings ebenfalls die Stellungnahme aus einem amerikanischen Blog, in dem vor dem Erscheinen des Fire ein Autor 12 Gründe fand, warum man kein Fire kaufen sollte (Klick) – und nun, nachdem er es ausprobiert hat, tatsächlich 7 Gründe, die für einen Kauf sprechen (Klick):

1. Preis

2. Flashnutzung

3. USB-Anschluss

4. Nutzung der meistbenutzten Dokumentformate

5. Freier Amazon-Prime-Zugang (in den USA)

6. Integration bei Amazon

7. Grösse

Nun, Ziffer 5. ist sicherlich in Deutschland kein Argument, und Zieff. 1 und 2. sind selbstverständlich, wenn man Android-Tablets mit dem Ipad vergleicht, aber ansonsten kann ich Vieles davon nach einigen Tagen intensiver Nutzung des Fire durchaus ebenso sehen wie der dortige Blogger. Doch steigen wir ein bisschen tiefer ein und beginnen mit der Grösse:

Vor einigen Tagen war ich beruflich mit der Deutschen Bahn unterwegs. Ich hatte für ein umfangreiches Gerichtsverfahren rund 25kg Akten in zwei Koffern mit – und insgesamt 5 Stunden Bahnfahrt vor mir. Meinen Fire habe ich zum Transport einfach in die Jackentasche gesteckt – und war froh, nicht noch ein Notebook (oder ein Ipad) mitschleppen zu müssen.

Der Zug auf der Rückfahrt war sehr voll, ich fand nur noch einen Platz in einer Zweierreihe – und konnte unproblematisch mit einer Hand den Fire halten, um meine Mails zu beantworten, ein paar Seiten in einem Buch zu lesen, ein bisschen zu spielen – mir eben die Zeit zu vertreiben. Das Amazon Fire ist dabei einem Smartphone viel näher als einem Netbook, doch es hat eine Bildschirmgrösse, mit der ich eher etwas anfangen kann als mit einem Smartphone. Insgesamt hatte ich das Gefühl, ein Taschenbuch in der Hand zu haben, aber eben ein Taschenbuch voll Informationen, Büchern, Filmen, Musik. Und Probleme mit dem Internetzugang über den Hotspot meines Smartphones hatte ich nicht, selbst Musikstreaming aus der Amazon-Cloud war kein Problem.

Besonders fein war die Situation übrigens kurz vor dem Erreichen des Bahnhofs – während alle Netbook- und Ipadnutzer um mich herum mit dem Verstauen ihrer Gerätschaften beschäftigt warenen, brauchte ich meinen Fire einfach nur wieder in die Jackentasche stecken… Taschenbuch eben.

Aber damit nicht genug: im Vorortzug saß neben mir (an einem Tisch) ein Herr mit Ipad vor sich und schaute einen Film – ich zog meinen Fire aus der Tasche und tat es ihm nach – wobei ich mein Tablet allerdings locker in der Hand halten konnte. Verwundert stellte der Herr fest, dass sein Film nicht wesentlich grösser dargestellt wurde als meiner – das Ipad nutzt nämlich nicht den vollständigen Bildschirm im Gegensatz zum Fire.

Auf dem Weg zum Gericht konnte ich natürlich mit dem Fire nicht „navigieren“, aber ehrlich, machen Sie das mit dem Ipad? Ich nehme mein Smartphone, denn mit zwei Taschen hinter mir her ziehend möchte ich noch ein 10-Zoll-Tablet in der Hand halten…

Was also den mobilen Einsatz betrifft: ich bin da sehr zufrieden mit dem Fire – und fühle mich keineswegs eingeengt von seiner begrenzten Hardware, die ich in kleinster Weise wegdiskutieren will.

Und Zuhause, da geniesse ich eigentlich auch die leichte Handhabung: man kann den Fire in einer Hand halten, mit der anderen durch das Web navigieren, Mails schreiben, spielen – Alles wie auf dem Smartphone, nur eben in einer wesentlich angenehmeren Grösse. Und man kann auch relativ gut damit schreiben, wenn man es (zusammen mit einer angepassten Hülle) auf den Tisch legt/stellt. Letzteres geht sicherlich mit dem Ipad besser, aber auch Ipads – oder andere 10-Zoll-Tablets – für mich kein vollwertiger Notebook-Ersatz.

Aber nervt nicht vielleicht die Amazon-Integration oder die Benutzeroberfläche? Ehrlich gesagt, Nein, aber ich gebe zu, dass ist ein sehr subjektiver Eindruck, denn schon vorher fand ich das Kaufen bei Amazon durchaus angenehm. Ich finde die angepasste Oberfläche des Fire  jedenfalls schön, übersichtlich, gut gestaltet und sehr intuitiv – und werde sie deswegen nicht wechseln gegen einen andere. Die Frage, welches Betriebssystem unter dieser „Haube“ läuft, ist für mich eher nachrangig, denn bisher konnte ich keine Gründe finden, die für eine Android-Version sprechen würden.

Bleibt die Einbindung in die „Amazon-Welt“ selbst – eigentlich ein Argument, welches Apple-User nun wirklich nicht verwenden dürften, denn sie sind es doch nun, die komplett einem solchen begrenzten System unterworfen sind. Allerdings muss man in Deutschland schon sehen, dass es einiger „Klimmzüge“ bedarf, um die Vorteile der Verbindung zwischen Amazon und dem Fire nutzen zu können. Doch all dies ist keine Hexerei, und am Ende kann man mit einer einzigen Ausnahme alle Teile der „Amazon-Welt“ nutzen:

Der Webbrowser ist kein Problem, inzwischen nutze ich „Silk“ auch durchgängig, denn mein – durchaus subjektiver – Eindruck ist, dass er wesentlich schneller geworden ist. Die Alternative „Opera“ habe ich natürlich auch auf meinem Fire.

Mails sind ebenfalls kein Problem.

Den Zeitschriftenbereich könnte ich nutzen, allerdings gibt es nur sehr wenige deutsche Zeitungen, die dort aufgeführt sind – wie aber auch bei anderen Anbietern. In diesem Zusammenhang kann ich jedem Android-Nutzer die App „Online-Zeitungen“ aus dem Ggogle-Market wärmstens ans Herz legen.

Der Bereich Bücher funktioniert auf dem Fire wie auf jedem anderen Kindle, allerdings ist das Display nicht in gleichem Maße für das Lesen geeignet wie die Ebook-Reader auf Basis der E-Ink-Technologie; eine Einschränkung, die auch das Ipad und andere Tablets trifft, zumal der Fire unbestritten über ein hervorragendes Display verfügt.

Das Übertragen, Speichern und Nutzen von Dokumenten klappt hervorragend, zusammen mit QuickOffice pro ist auch eine komfortable Bearbeitung von Dokumenten möglich – und zwar auf der Basis der am häufigsten genutzten Formate. Ergänzt wird die Office-Qualität des Fire bei mir durch eine vernünftige Kalender-App.

Apropos App: kostenfreie und kostenpflichtige kann ich sowohl aus dem Amazon-Store als auch aus dem Google-Market laden, mir steht da also die gesamte Bandbreite zur Verfügung.

Musik streame ich aus der Amazon-Cloud, in die ich kostenfrei 5GB Musik laden kann (habe ich noch nicht ausgeschöpft) – und in der mir natürlich alle Musik zusätzlich zur Verfügung steht, die ich bei „Amazon.com“ kaufe. Auch dies ist übrigens kein Problem.

Kommen wir zum eigentlichen Sorgenkind, dem Bereich Videos: bisher kann ich in die Amazon-Cloud selbst geladene Videos noch nicht streamen, und das Angebot im Store ist nur eingeschränkt bis garnicht nutzbar. Videos selber kann ich auf den äusserst begrenzten internen Speicher laden, wobei die USB-Schnittstelle gute Dienste leistet, denn sie garantiert einen unkomplizierten und schnellen Download. Wenn man die Qualität der Filme ein wenig zurücknimmt, bekommt man 4-5 Stück auf den internen Speicher, zusätzlich funktioniert prima die Dropbox auf dem Fire, auch von dort kann man Filme streamen. Aber trotzdem, in dem Bereich ist der Fire in Deutschland in seiner Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt.

Bei Spielen bin ich bisher noch nicht an Grenzen gestossen, aber keine Frage, solche wird es geben. Für meine Verhältnisse jedoch ist der Fire in diesem Bereich völlig ausreichend.

Bleibt abschliessend der Bedienkomfort: ich denke, es gibt einige Dinge, die man in einem Update verbessern kann – und anscheinend passiert das auch, denn die Version 6.2. hat bei mir schon zu dem Eindruck geführt, das Fire liefe noch einmal deutlich „runder“. Aber einige Bedienelemente sind noch recht klein, ein paar „Wischgesten“ mehr wären schön, aber Alles in Allem Dinge, die so oder in ähnlicher Form auch hier und da bei anderen Tablets einschließlich des Ipads kritisiert werden.

Insgesamt handelt es sich also beim Fire mitnichten um ein massiv limitiertes Tablet, mit dem man allenfalls seine Kochrezepte lesen kann. Ich persönlich nutze es via Wlan zuhause und via Smartphone-Hotspot unterwegs – und ich finde derzeit keine Anwendung, die ich lieber auf einem grösseren Tablet machen möchte. Kritikwürdig ist der limitierte Speicher, hier wären durchaus 8GB mehr interner Speicher – oder eben ein Slot für SD-Karten – sehr sinnvoll, insbesondere wegen des eingeschränkten Zugriffs auf die Amazon-Videos in Deutschland. Aber vielleicht findet ja noch jemand einen Weg, über den USB-Anschluss die Übertragung von Daten auf den Fire nicht nur vom PC, sondern auch von einem Stick oder einer externen Festplatte zu ermöglichen. Ansonsten muss man eben vor einer Reise überlegen, welche Filme man lädt – und welche man auf seinem Notebook zusätzlich mitnimmt, um sie später aufzuspielen.

Und damit kommen wir zur tatsächlichen Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss: wie gross soll das Display sein – und wie mobil im Kleinen und im Grossen will ich das Tablet nutzen. Das ist nämlich die einzige wirkliche Überlegung, die man anzustellen hat.

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