Innung für Orthopädieschuhtechnik Nordrhein-Westfalen: Der Unmut der Mitglieder scheint größer als man dort zugeben will

Posted on 12. Dezember 2011

0


© Rainer Sturm / pixelio.de

Es scheint ja ganz schön Druck im Kessel zu sein in der Innung für Orthopädieschuhtechnik NRW. Jedenfalls deuten die umfänglichen Stellungnahmen darauf hin, die mir über das Wochenende zugeleitet wurden.

Angefangen hatte es schon vor der Innungsversammlung am  19. November 2011. Zu diesem Zeitpunk hatte sich nämlich schon Franz Claßen aus Köln, Innungsmitglied und Vorsitzender der Interessengemeinschaft für Orthopädieschuhtechnki (IGOS) NRW schriftlich an die übrigen Mitglieder gewandt:

———

„An alle Mitglieder

Hiermit sende ich Euch meine aktuelle Bewertung des Innungsvorstandes: 

++ Großinnung, deren Zielsetzung auf mich so wirkt, sich gegenüber den Krankenkassen nicht mit gebündelter Kraft durchzusetzen.

 ++ Verträge werden immer komplizierter: Früher 30 Seiten – heute 300 Seiten

 ++ Patientenerklärungen verursachen mehr Zeitaufwand als die Herstellung von Produkten

 ++ Verwaltungsaufwand benötigt mindestens 1/3 meiner gesamten Arbeitszeit

 ++ Preisgestaltungen bzw. Preiserhöhungen liegen meiner fundierten Kalkulation nach unter   der Inflationsrate

 ++ §128 SGB V: Unzulässige Zusammenarbeit mit Ärzten wird von gewählten Vertretern meinen Beobachtungen gemäß ignoriert. Man spricht von „zulässiger diagnosespezifischer Fachsprechstunde“ – im Klartext: Gespräch zwischen Arzt, Patient, Leistungserbringer muß doch noch ein lohnendes Geschäft sein –  selbst bei einer Kopie-Einlage.

 ++ Erst Zwangszertifizierung durch die Krankenkasse,  dann Zwangszertifizierung durch die Innung.

 ++ Meine Frage: Sind dies die Ausgaben für OSM nach Vorstellungen der Innung

 950,–€  Innungsbeitrag  (ca. 500.000,– Euro für NRW)

1.500,– Euro Zertifizierungskosten (ohne Zeitaufwand) (ca. 1 Million Euro für NRW)

2.100,–€ für Zertifizierungspunkte (z.B. 8 Punkte für eine Innungsversammlung = 8 Stunden ca. 1.3 Millionen Euro)

 Ausgaben für 1 Jahr in NRW in Höhe von 4,55 Millionen Euro?

 ++ Anstelle der Zertifizierung und die möglichen Kosten für Zertifizierungen stelle ich die Frage: Wäre es nicht besser gewesen, einen Vorstandsvorsitzen einer großen Krankenkasse  mit einem Jahresgehalt in Höhe von ca. 350.000 €  als Verhandlungsführer anzustellen? Für diesen Fall wäre meinen Berechnungen nach eine Ersparnis in Höhe von 2 Millionen Euro möglich gewesen.

 ++ Der nächste Griff in meine Tasche ist die Präqualifizierung – wenn es dann in die Verträge  aufgenommen wird. Ansonsten kann man sich mit jeder Kasse einzeln selbst präqualifizieren. Das kostet dann nur noch den Zeitaufwand, es mit jeder Kasse einzeln zu machen. 

 ++ Das Nachbarhandwerk drängt sich immer mehr in unseren Bereich ein, und wir werden zunehmend zur „Fast-Foot-Orthopädie“. Der Patient steht nicht mehr in unserem Mittelpunkt. Serielle Massenfertigungen von Großbetrieben sind nicht im Sinne unserer Patienten. 

++ Die Produktgruppen 08 und 31 stehen in meinem Betrieb an erster Stelle.

 Jetzt stehen Vorstandswahlen an. Ich hoffe, daß neue Kandidaten zur Verfügung stehen. Geheime Wahl ist Voraussetzung. Ein Durchwinken gibt es nicht.

Nur „Stimmvieh“ zu sein, das ist wohl im Interesse des Innungsvorstandes. Damit die Basis wieder verstanden wird, appelliere ich an die Kolleginnen und Kollegen, endlich mal mehr Mut aufzubringen. 75% sind Kleinbetriebe. Der nächste, der aus dem Markt gekickt wird, kannst Du schon sein. Der Verdrängungswettbewerb hat durch die Altersregelung schon stattgefunden. 

Franz Claßen

Orthopädie-Schuhmacher-Meister/Köln“

———

Das Schreiben blieb nicht ohne positive Erwiderung:

———

„Antwort an Kollege Claßen 

 Sehr geehrter Herr Kollege Claßen,

vieles von dem, was Sie schreiben, kann ich sehr gut nachvollziehen bzw. balle genauso meine Faust in der Tasche und frage mich, wer diesem Vertragswahn- bzw. Vertragsschwachsinn zustimmen konnte, stielt er uns doch massiv unsere Lebenszeit. Wenn die Preise im Umkehrschluss aufgrund geforderter Bürokratie parallel um 5 – 6 % steigen, kann ich zumindest einen weiteren Mitarbeiter einstellen, der dann diese Aufgaben erledigt. Dann hätte das Ganze noch etwas Soziales in Form eines weiteren Arbeitsplatzes. Wenn ich aber aus den Verhandlungskreisen immer den Satz höre: „Wenn wir nicht zugestimmt hätten, wäre es noch viel schlimmer gekommen?!“ Was soll man dazu noch sagen. Wenn sich jemand aufstellen lässt und die breite Masse vertritt, sollte er die Stärke besitzen auch  einmal nein sagen und wir müssen dann im Gegenzug  dahinter stehen. Das jetzige Prozedere können doch die Vertragskassen selbst nicht einmal richtig umsetzen. Dazu ein Beispiel: Ich beantrage Schutzschuhe mit kompletter Versorgung bei Krankenkasse X mit meinem bisherigen Vertrag, bekomme ihn abgelehnt zurück mit der Bemerkung den GWQ Vertrag nicht gezeichnet zu haben. Im Gegenzug erhält der Patient, sprich mein Kunde, eine Aufzählung der Krankenkasse der Kollegen, die ihn gezeichnet haben, mit der Bitte, sich an diese zu wenden. Nach kurzem Austausch habe ich dann ebenfalls den Vertrag, gezeichnet(nicht über den BIV) und die Versorgung gemäß der aktuellen Preisliste beim Kostenträger eingereicht. Dieser schickte mir dann eine Genehmigung mit einem Abzug und der Bemerkung: Preise nach BIV Vertrag gekürzt. Nach meiner Intervention, die richtige Leistung beantragt zu haben, konnte mir keiner, selbst die Kasse noch keine gezielte Erklärung geben. Aktuell wird geforscht, denn der Vertrag scheint seine Tücken zu haben… Dann  gibt es Kassen, die schreiben, dass sie nach Durchsicht der Unterlagen die Leistungen im Nachhinein kürzen, wenn Akten bzw. Fehler in der Übertragung stattfinden. Also fehlt auch nur eine Ziffer, bzw. wird versehentlich falsch eingegeben, erlaubt man sich dieses Prozedere. Demnächst kommen die Patienten und möchten ihr Geld zurück, weil die Einlagen drücken und nach Ansicht der Kassen wahrscheinlich falsch sind…Im Umkehrschluss: Der Arzt setzt seine Spritze, die wirkt nicht und das Geld fließt auch hier ebenfalls zurück. Auch absolut unfassbar, wenn Kassen oder andere Kostenträger schreiben, uns liegt ein Angebot eines anderen Leistungserbringers vor… fragt man diesen, denn er wird zwangsläufig Namentlich immer auftauchen, wie er auf solche Preise kommt oder ab er im Ausland arbeiten lässt, bekommt man zur Antwort: Ich habe nicht kalkuliert, ich musste den Preis der Krankenkasse annehmen. Vieles kann man inzwischen als Existenzangst bezeichnen., was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir mehr als dringend wieder mehr Einheit benötigen. Aus meiner Sichtweise ist der Zug zur weiteren Zerfleischung der Verbände bereits extrem weit vorangeschritten und nicht mehr aufzuhalten. Soweit zum Kassenwahsinn. Lieber Kollege, manches ist Ihrerseits etwas polemisch geschrieben, was aber durchaus ob der Tatsache durchaus noch kräftiger hätte ausfallen können. Was jeder auf jeden Fall spüren kann, ist die Tatsache, dass hier ein Kollege steht, der den Beruf aus Berufung macht und das kann ich nachvollziehen. Es ist Sonntagmorgen und ich sitze im Büro um etliche Schreiben zu beantworten, da in der Woche für den völlig unnötig ausufernden Bürokratismus keine Zeit mehr bleibt. Eine Randbemerkung kann ich mir nicht sparen. Manchmal habe ich das Gefühl, einige meinen, je mehr Bürokratie auch in unserem Bereich umso medizinischer scheinen wir. Es sollte unsere Leistung sein die Überzeugt und dahinter brauchen wir uns alle als Kollegen absolut nicht verstecken. 

Mit kollegialen Grüßen

Markus Knappe

Innung für Orthopädieschuhtechnik Bielefeld“

———

Und auch Herr Knappe erhielt nicht unerheblichen positiven Zuspruch:

———

„Hallo,

danke für die Info und Stellungnahme.

Bei uns geht der Trend zur Geringbelastung für den Versicherten.

 Scheinbar ist es möglich, Einlagen für 10€ Zuzahlung plus gesetzlichem Eigenanteil zu liefern !

 Rezepttext: Ein Paar Korkledereinlagen, lange Form bei Fußfehlstellung… Hausarztrezept.

 In 2-3 Jahren wird es unser Handwerk in der bisherigen Form nicht mehr geben. Dann haben Großanbieter (Sanitätshäuser) Orthopädieschuhmachermeister eingestellt, die den Bereich mit abdecken. Gerade die Diabetikerversorgung wird für sie ein sehr lukrativer Markt !

 Preise werden dann zunächst akzeptiert, bis nur noch die Großanbieter am Markt übrig sind. Ist das geschehen, dann kündigen die Großanbieter alle Verträge und geben dann den Kassen die Preise vor !!! Wir sind dann pleite !

Die Flächendeckende 0/8-15 Versorgung ist dann der neue Standard! Masse, statt Klasse !

 Da darf sich dann der LIV feiern, dass er erreicht hat, auch einem Vertrag beitreten zu dürfen. Was ist mit Löhnen? Was ist mit Kalkulation? Ein Schuster baut einen Maßschuh für mindestens 1000€! Wir liefern Maßschuhe mit Orthopädieelementen ab 600€…noch Fragen?

 ———

Sehr geehrter Kollege Knappe, 

vielen Dank für Ihre Stellungnahme. Ich sehe es genauso nur werden sich um den Vorstand wieder viele Kollegen aufregen, oder besonders der Vorstand, aber Sie haben sehr fair und ehrlich geschrieben. Sie hatten unter anderem gesagt, wenn der Vorstand einmal nein sagt, müssen wir es auch mit tragen. Nur wenn die immer ja sagen, geht unter solchen Voraussetzungen alles kaputt. Wir haben einen solch schönen Beruf, nur kann man nicht mehr verstehen, wenn immer gesagt wird und da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen: Wenn wir dem nicht zugestimmt hätten, hätten wir keinen Vertrag bekommen.  Meine Anmerkung: Wenn alle nein sagen, auch schriftlich durch den Vorstand aufgefordert, gibt es in diesem Moment keine Leistungsanbieter mehr. Aber das bleibt nur ein Traum.

———

Lieber Kollege Knappe,

Danke, danke, danke. Ich hätte es nicht besser schreiben können. Wozu die Ausbildungsverordnung, wenn wir selbst als Kollegen nur noch den „Fertigscheiß“, anders kann ich es nicht sagen, nehmen sollen, obwohl wir wissen, dass es teilweise nur noch absolut eine schlecht sitzende Notversorgung darstellt. Ich frage mich schon lange, wie Kassen Angebote von Kollegen bekommen, wie die Knappschaft, die unter der Wirtschaftlichkeitsgrenze liegen. Das kalkuliert doch keiner, das ist glatter Betrug. Von meinem Finanzamt wurde ich nach der letzten Bilanz gefragt, warum ich den  bei steigenden Kosten weniger Umsatz hätte. Da wir ja als Aufgabe für unseren Staat Gewinne erzielen müssen, muss ich mich jetzt sogar noch für meine Arbeit entschulidigen. 

———

Sehr geehrter Herr Knappe,

auch wenn es kein rechter Trost für Sie sein wird, auch ich habe am Sonntag gearbeitet. Es ist erschreckend, wenn man überlegt, daß nach einer geregelten sechs-Tage-Woche auch noch der Sonntag für Bürokratismus draufgeht. Ich bin Ihrer Meinung, daß sich etwas ändern muß.
Die meisten Denkanstöße gab mir auf der Innungsversammlung Herr Lutz von der OT. Ich glaube, da die Innung es nicht schafft, uns zusammenzuschweißen, sollten wir es selbst tun. Bisher habe ich meine Kollegen im Umkreis eher als Konkurrenz gesehen, aber ich glaube jetzt, es wird sich nicht vermeiden lassen, sich gegenseitig etwas besser kenenzulernen. Früher waren die Innungen klein und man kannte sich. Die ganzen kleinen Innungen wurden nun zu einer großen zusammengefaßt und niemand kennt bei den Versammlungen den Kollegen neben sich. Vielleicht sollten sich die Kollegen wieder so treffen, wie die früheren Innungen es taten, auch wenn sie keine eigenen Verwaltungen mehr haben.
Wenn sich die Kollegen einer Stadt einig sind, können sie bereits Forderungen stellen, da sonst ganz schnell für die Krankenkassen Versorgungslücken entstehen.
Ich hoffe, wir bekommen das Problem in den Griff, bevor wir alle pleite gehen.

 ———

Guten morgen,

ich gebe dir recht und ich finde es gut das du auch Stellung gegen diesen Tot auf Raten nimmst.

Bei mir sagen drei BKK´s das sie nicht mehr mit mir abrechnen da ich den GWQ nicht unterschrieben habe (letzter Monat). Da weißt du was als nächstes kommt. Das Verhalten der Innungen gibt mir, bei dem Vertragsirrsinn, keine Sicherheit.

———

Sehr geehrter Kollege Knappe,

vielen Dank für Ihre Stellungnahme. Wahrscheinlich wird Sie jetzt der Vorstand angreifen und für unsachlich halten, dabei haben Sie nur tollerweise auf den Brief eines Kollegen geantwortet und sich regelrecht geoutet. Sie haben das getan, was man in einer Demokratie tun sollte, sich nicht zu verstecken sondern sie zu leben. Den Inhalt Ihres Schreibens  kann ich absolut zustimmen. Nochmals Danke

———

Und nun formiert sich der Widerstand gegen das Vorgehen der Innung, wie man dem nachfolgenden offenen Brief entnehmen kann:

———

„Offener Brief an den Obermeister der Innung für Orthopädieschuhtechnik Rheinland Westfalen Herrn Ludwig Vorholt:

Sehr geehrter Herr Obermeister Vorholt, lieber Kollege Ludwig,

zunächst möchte ich Ihnen zur Wiederwahl als Obermeister in der letzten Innungsversammlung gratulieren. Für die folgende Amtszeit möchte ich auf diesem Weg einige Fragen stellen:

Wird es in der Zukunft weiter wie bisher ständig heißen: „Es kommt immer noch schlimmer, wir müssen uns dem Druck der Krankenkassen beugen.“? Oder treten wir als Handwerk endlich mal mit einem gesunden Selbstbewusstsein auf, in dem Wissen dass wir einen wichtigen Beitrag zur „Geh“sunderhaltung der Menschen, unserer Kunden leisten?

Ein Beitrag der von unserer Gesellschaft benötigt und auch entsprechend honoriert wird, jetzt und in der Zukunft, dessen bin ich mir sehr sicher.

Wen vertritt die Innung?

Etwa nur das besondere Klientel der Betriebe ab einer Größe von 10 Mitarbeitern, nur um mal eine Zahl zu nennen, oder die etwa 70 % aller Betriebe mit ein bis zwei Mitarbeitern? Ich beziehe mich hier auf eine Zahl, die vom Zentralverband für Orthopädieschuhtechnik (ZVOS) in einer Eingabe an die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages genannt wurde.

Zitat: „Das Gesundheitshandwerk Orthopädieschuhtechnik ist geprägt durch ca. 70 % Kleinstbetriebe mit 1 bis 2 Mitarbeitern“. In einem Flächenland wie dem unseren dürfte diese Zahl auch heute noch zutreffen, aber das brauche ich dem Obermeister der diese ja vertritt wohl nicht verdeutlichen.

Warum (ich stelle diese Frage zum wiederholten Mal) wird entgegen der Position des Bundesgesundheitsministeriums, gegen die Position des Bundesversicherungsamtes, ja sogar gegen die Auffassung verschiedener Krankenkassen eine Zwangszertifizierung durchgeboxt, die für diese 70 % der Betriebe schlicht absurd ist?

Ich hatte allen Ernstes gehofft, dass der nach der Podiumsdiskussion im Juli ins Leben gerufene „Zertifizierungsausschuss“ kreative Lösungsansätze entwickelt, wie wir Orthopädieschuhmacher die Qualität unserer Produkte in der Zukunft nachhaltig darstellen. Dies könnte ja durchaus durch ein „lean“ Qualitätsmanagement ohne den Zwang zur Zertifizierung geschehen, nur um ein Beispiel zu nennen. Ich hatte dies während der Podiumsdiskussion auch so formuliert.

Tatsächlich war der „Zertifizierungsausschuss“ eine reine Schauveranstaltung, die keinen anderen Sinn hatte als die Rechtfertigung für den bisher beschrittenen Weg der Zwangszertifizierung zu schaffen.

Wenn ich mir allein die personelle Besetzung anschaue, so mutet diese ungefähr so an, als würde man den Rüstungskontrollausschuss des Deutschen Bundestages ausschließlich mit Vertretern der Rüstungsindustrie besetzen.

Die einleitenden Worte des Kollegen Austen : „Ich muss hier etwas vorlesen!“ bedürfen meines Erachtens keiner weiteren Kommentierung, sie sprechen für sich.

Die AOK Rheinland/Hamburg hat verlauten lassen, dass sie ähnlich wie die Techniker Krankenkasse die Vertragsgestaltung hinsichtlich einer Verpflichtung zur Zertifizierung auch im Hinblick auf die beharrliche Weigerung unserer Hamburger Kollegen, der Zwangszertifizierung zuzustimmen (wer denkt eigentlich an die, und wer hat eigentlich vor Vertragsunterzeichnung mit denen gesprochen?) überdenken will.

Ich fordere Sie auf in den anstehenden Gesprächen mit der AOK Rheinland Hamburg auf die einseitige Forderung – und zwar seitens unserer Innung – nach einer Zertifizierung zu verzichten.

Die Kollegen, die mittlerweile zertifiziert sind – und zu denen gehöre ich nun mal auch -, würden hierdurch in keinster Weise Schaden nehmen. In dem Zusammenhang verstehe ich nicht das Sendungsbewusstsein verschiedener „ zertifizierter“ Kollegen nach dem Motto: „ Also die Zertifizierung hat meinem Betrieb viel Positives gebracht“ Ein Satz den man immer wieder hört, der jedoch Unfug ist.

page1image28648
page1image28920
page1image29192
page1image29464

Richtig müsste es heißen: „ Qualitätsmanagement hat meinem Betrieb viel Positives gebracht!“

Aber Kollege dass kann man auch viel praktikabler und kostengünstiger haben. Was hat das damit zu tun. dass ich mir einmal jährlich eine betriebsfremde und vor allem handwerksfremde Person ins Haus hole und ein teures Kaffeetrinken veranstalte? Streng genommen stelle ich mir als Handwerksmeister doch ein Armutszeugnis aus, was mein Selbstvertrauen in die eigenen Betriebsabläufe anbelangt.

Es stellt sich schon die Frage nach der Motivation: Warum zwingt man einen großen Teil der Kollegen, Strukturen zu installieren, die weit über das Sinnvolle und im übrigen von der Politik und den Krankenkassen geforderte Maß hinausgehen?

Was ist Ihre ganz persönliche Motivation, Herr Obermeister Vorholt?

Wenn Sie sich an dieser Stelle auch auf den ominösen Beschluss der Delegiertenversammlung vom 31. März 2010 berufen, so möchte ich hier meine Bedenken hinsichtlich der demokratischen Legitimation dieses Gremiums zum Ausdruck bringen. Sicher kann man nicht jedes einzelne Verhandlungsmandat unserer Verhandlungsführer in Frage stellen. Jedoch ist es sicher so, dass man bei einer Frage von der Tragweite der Einführung eines flächendeckenden Qualitätsmanagements beziehungsweise der Zertifizierung eines solchen, durchaus das Votum der Innungsversammlung hätte einholen können. Jeder sollte mal kurz multiplizieren, welche Summen hier im Raum stehen. Dies ist jedoch wohlweislich vermieden worden, sie wäre nämlich eindeutig verneint worden.

Nehmen Sie zur Kenntnis, dass beispielsweise wir Kollegen aus dem Kreis Kleve nahe zu geschlossen einerseits zertifiziert sind, uns andererseits aber klar und deutlich gegen das System einer jährlichen Auditierung sprich Zwangszertifizierung aussprechen. Ich denke, dass wir hier keine Sonderstellung einnehmen, sondern dass wir durchaus repräsentativ für das übrige Land sind.

Sollte man dies im Weiteren seitens der Innung weiter ignorieren, so werde ich sozusagen in guter demokratischer Gepflogenheit eine Mitgliederbefragung durchführen. Dies könnte natürlich mein persönliches „ Stuttgart 21“ werden, aber ich bin an dieser Stelle sehr zuversichtlich.

Ich bitte ausdrücklich zu entschuldigen, dass die hier vorgebrachte Kritik nicht während der letzten Innungsversammlung formuliert wurde. Sicher wird dieser Einwand folgen. Aber es ist nun mal nicht jeder Kollege in der Lage vor so vielen Menschen treffend zu formulieren. Dies darf aber keinesfalls dazu führen, dass – wie in der Vergangenheit – über die Köpfe der Mitglieder hinweg regiert wird.

Ich finde es im übrigen schon bemerkenswert, dass während der letzten Innungsversammlung die Podiumsdiskussion vom Juli in Ratingen kaum in einem Nebensatz erwähnt wurde. Im Anschluss an die Diskussion wurde noch lebhaft in vielen kleinen und größeren Gruppen diskutiert und es dauerte eine lange Weile, bis auch der letzte Kollege den Veranstaltungsort verlassen hatte. Dies habe ich so nach einer Innungsveranstaltung noch nie erlebt und deswegen wäre es doch zumindest einer Erwähnung wert gewesen.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion habe ich Ihnen gegenüber angeregt, das Delegiertenprinzip einmal ernsthaft zu überdenken. Warum treffen wir uns Kollegen in der Zukunft nicht wieder im Rahmen der gewachsenen Strukturen, was für uns hier etwa die ehemalige Innung Niederrhein wäre, und diskutieren die anstehenden Themen. Und zwar nicht im Rahmen eines unverbindlichen „Stammtisches“ oder „Klönabends“, sondern machen dies verbindlich und entsenden aus solch einer Versammlung heraus einen echten Delegierten, der die Belange dann auch tatsächlich weiter trägt (von lat. delegare: „hinschicken, anvertrauen, übertragen)?

Oder will man allen Ernstes behaupten, dass die Delegierten, so wie sie auf der letzten Innungsversammlung gewählt wurden, irgend ein Interesse von irgendwo nach sonstwo tragen. Es findet ja überhaupt keine Kommunikation zwischen den gewählten Delegierten und den übrigen Innungsmitgliedern statt. Das ist also nichts weiter als eine Show zur Wahrung des demokratischen Scheins.

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Ihre Bitte um eine rege Teilnahme an der Innungsversammlung für die Kollegen mehr ist als das Absitzen von acht Fortbildungspunkten – und Ihrerseits mehr als ein Lippenbekenntnis.

Ich verbleibe mit kollegialem Gruß in der Erwartung Ihrer Antwort

Wolfgang Hillmann“

———

Ich bin doch sehr gespannt auf die Reaktionen…

Photo: http://www.pixelio.de