Hannover 96: Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, trägt sie an der falschen Stelle!

Posted on 9. April 2012

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Dieser Satz stammt von Mao Tse-tung, und er kennzeichnet die Gefahr, in die Hannover 96 nach dem Ausscheiden aus der Europa League am letzten Donnerstag und dem blamablen Spiel gegen Schalke 04 am gestrigen Ostersonntag leicht geraten kann.

Lassen wir die letzten vier Spiele der Roten mit dem nötigen Abstand noch einmal Revue passieren:

Da war zunächst das Spiel bei den mit obszönen 250 Millionen Euro Schulden belasteten Pleitegeiern von Atletico Madrid: die zusammengekaufte Truppe aus der Hauptstadt des Landes, das nur wenige Zentimeter weiter vom wirtschaftlichen Bankrott entfernt steht als Griechenland und sich trotzdem Steuerschulden von 800 Millionen Euro bei seinen modernen Gladiatoren leistet („Brot und Spiele“ oder „Tanz auf dem Vulkan“ dürften wohl die passenden Redewendungen für diesen Wahnsinn sein), war über 90 Minuten überlegen, und trotzdem hätte ein bisschen Glück und ein wenig mehr Cleverness 96 einen 2:1 Sieg bescheren können – Mama Diouf wäre Mitte der 2. Halbzeit endgültig zum Helden geworden, doch ein Reflex des spanischen Torwarts verhinderte den schon sicher geglaubten zweiten Treffer der Hannoveraner.

Und in der 88. Minute ist es dann eine Fehlentscheidung von Sergio Pinto (im Nachhinein ist man immer schlauer, ich weiss), die im Grunde genommen schon das Aus der Roten besiegelte: der mit Gelb vorbelastete Mittelfeldspieler holt seinen spanischen Gegner gerade nicht von den Beinen (und vermeidet so die gelb-rote Karte), doch dadurch hat dieser die 2 Meter Platz, die er braucht, um den Ball – durchaus sehenswert und im übrigen unhaltbar – zum Siegtreffer der Steuerverweigerer ins Netz der Niedersachsen zu befördern.

Damit war die Messe im Grunde genommen gelesen.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, Euphorie macht Vieles möglich, und so redete man sich diese Niederlage in Hannover schön: da geht noch was, wir schaffen das Halbfinale…

Zwischendurch das Spiel gegen Mönchengladbach: eine sehr verunsicherte Mannschaft aus Ostholland gegen rote Scheinriesen, die in Gedanken schon beim Rückspiel in der Europa League waren, allerdings ohne ihren derzeit anscheinend nicht zu ersetzenden Mittelfeldmotor Lars Stindl antreten mussten. Das Ergebnis: eine erste Halbzeit, die man getrost unter „Grottenkick“ einordnen  kann, und eine zweite Halbzeit, die davon lebte, dass es 3 Tore gab, die zudem auch noch glücklich zugunsten der hannoverschen Heimmannschaft verteilt waren. Und plötzlich stand 96 auf dem 5. Platz, dem Platz, der zur direkten Teilnahme an der Europa League in der nächsten Saison berechtigen würde. Alles schien schön an der Leine.

Am Donnerstag dann eine wunderbare, championsleague-verdächtige Choreo im Stadion, eine brodelnde Atmosphäre – und ein ängstlich-zurückhaltendes Spiel der Mannschaft aus Hannover: am Ende waren es dann zwei groteske Abwehrfehler des von mir ansonsten hochgeschätzten Emanuel Pogatetz (ich besitze sogar seinetwegen ein Trikot der österreichischen Nationalmannschaft), die das nicht wirklich überraschende Aus von Hannover 96 im internationalen Geschäft der Saison 2011/2012 besiegelten.

Aber natürlich war es ein Aus mit Stolz – Stolz auf das Erreichte, das niemand 96 zugetraut hätte, Stolz auf die berauschenden Siege zB. in den Heimspielen gegen Sevilla oder Lüttich wie auch in Kopenhagen mit dem berühmten Telefonanruf des schon genannten Lars Stindl. Aber all das sind Erinnerungen, sind Lorbeeren, die eben nur dann etwas wert sind, wenn sie zu einer nachhaltigen Verbesserung der Stellung von Hannover 96 führen.

Und so war eigentlich das Spiel gegen die ebenfalls aus der Europa League ausgeschiedenen Schalker am gestrigen Sonntag das wirklich wichtige Spiel der Woche: und dies haben die Roten mit einer blamablen Leistung hergeschenkt. Bitter!

Das Ergebnis ist, dass 96 sich heute auf dem 8. Platz wieder findet – dem Platz, der eben gerade keine Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb im nächsten Jahr mehr bedeutet. Und sollte 96 diesen Platz am Ende der Spielzeit einnehmen, dann war es – bei allen schönen Erinnerungen an die Vierschanzentournee – eben keine erfolgreiche Saison.

Deswegen heisst es jetzt noch einmal: „Vorwärts nach weit“!

In den restlichen Ligaspielen muss die Mannschaft der Roten ein anderes Gesicht zeigen als gestern in der undichten Turnhalle der Schlumpfblauen, denn ansonsten wird die Ernüchterung am letzten Spieltag gross sein.

Werfen wir einen Blick auf das Restprogramm:

Am Mittwoch kommen die Radkappen aus Wolfsburg, eine Mannschaft im Aufwind, auch wenn sie mit einer Niederlage aus diesem Wochenende gekommen sind. Natürlich besitzt Hannover derzeit eine nicht unerhebliche Heimstärke, aber die Werksmannschaft ohne Tradition ist ein ganz harter Brocken – doch wie schwer die Beine und der Kopf auch sind, das Spiel muss gewonnen werden.

Danach in Hamburg: ein verunsicherter Gegner im Umbruch, spiel- und heimschwach, darüber traditionell ein häufiger Punktelieferant für den wirklich grossen HSV aus der Messestadt. Eigentlich der passende Gegner, um seine Position in der Tabelle zu verbessern – aber Vorsicht, Gegner, die vermeintlich leicht zu spielen sind, sind die, gegen die Hannover am liebsten verliert. Auch dies also kein Selbstgänger.

Bei zwei der nächsten Gegner muss man hoffen, dass für die schon alles klar ist, wenn sie gegen die Roten antreten: Freiburg vielleicht schon gerettet vor dem Abstieg, Kaiserslautern im letzten Spiel der Saison schon abgestiegen – dann dürfte gegen diese Mannschaften etwas zu holen sein. Und zwischendurch noch die andere Werksmannschaft, die in der Bundesliga nach meiner Auffassung nichts zu suchen hat (jedenfalls nicht mit den Sonderklauseln, die WOB und LEV durch den DFB eingeräumt worden sind): Leverkusen, die hoffentlich ihrem Spitznamen „Looserkusen“ bis zum Ende der Saison alle Ehre machen. Aber dort Punkte zu holen, wird sehr, sehr schwer.

Ein Restprogramm, mit dem Hannover 96 die nötigen Punkte für eine Neuauflage der Vierschanzentournee in der nächsten Saison holen kann – aber mit dem die Roten auch im grauen Mittelfeld der Tabelle versinken können.

Es liegt an der Mannschaft selbst, ob sie in der nächsten Saison wieder Feiertage in Europa erleben will oder nicht. Die Fans jedenfalls hoffen und bauen auf die Spieler:

„Auf, Ihr Roten, Kämpfen und Siegen!“

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