Fall Kachelmann: Ein Theaterstück und der eigentliche Skandal daran…

Posted on 15. April 2012

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© Oliver Weber / pixelio.de

Kann hier ein Skandal stattfinden? DasTheater Felina-Areal erreicht man in der Mannheimer Neckarstadt-Ost durch zwei Hinterhöfe und eine weitere Tordurchfahrt, dahinter findet man die ehemalige Schreinerei der Felina-Werke, die eigentlich Unterwäsche und Dessous herstellen. Und dort, in diesem ehemaligen Schreinereigebäude, ist Sascha Koal nun tätig als „Theatervater“. Und als Papa muss man sich um sein Kind kümmern, auf das es wachse und gedeihe.

Nun ist Mannheim nicht gerade der Nabel der Theaterwelt, noch nicht einmal in der Nähe desselben, auch wenn man es nur auf Deutschland beziehen würde. Und da bedarf es schon eines etwas grösseren Geschützes, um ein Theater für freie Gruppen in einer Schreinerei „far, far away“ ein bisschen bekannt zu machen. Doch nun ist Mannheim natürlich auch nicht gerade eine Metropole, in der die spektakulären Themen so richtig wirklich auf der Strasse liegen, und da muss man sich klammern an das, was einem das Leben so vor die Theaterbeine wirft – so knochig die Knochen auch sind…

Sascha Koal jedenfalls dachte sich, der Prozess um den Wettermoderator Jörg Kachelmann, der ja schon seit knapp einem Jahr vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Exfreundin freigesprochen ist, könnte doch ein Thema sein, um seinem Baby ein bisschen überregionale Publicity zu besorgen – natürlich unter Berücksichtigung des erforderlichen künstlerischen Anspruchs. Er schrieb also ein Theaterstück über diesen Prozess und inszenierte dieses auf seiner Bühne, die im ausverkauften Zustand immerhin 60 Zuschauern Platz bietet. Und damit man ihm nicht gleich den Vorwurf macht, vom Presserummel rund um den Prozess profitieren zu wollen, erfand er gleich noch einen auf grosses Theater hindeutenden Titel: „Kachelmanns Rashomon“

Übrigens ist Jörg Kachelmann nicht der einzige Prominente, der den Bekanntheitsgrad von Sascha Koals in der Schreinerei zusammengezimmertes Theater in die Schlagzeilen bringen soll; auch Carla Bruni muss herhalten, wird doch ihr angebliches, aber immerhin nun nicht mehr geheimes Tagebuch dort ebenfalls bühnentechnisch ausgeschlachtet: CARLA BRUNI.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: aus streng künstlerischen Gründen (oder vielleicht, um den Aufwand in angemessenen Grenzen zu halten) wurde es dann allerdings nur ein ziemlich beschränktes Zwei-Personen-Stück, das Kachelmann-Opus: die weibliche Hauptrolle spielt Sarah Gross, eine Schauspielerin, die ihre Ausbildung an der Theaterakedemie Köln erhielt und danach an diversen Kleintheater Erfahrungen sammelte, so zB. im ArtTheater und RoomService, Köln, im Theater der Altstadt und im Studio Theater, Stuttgart, oder beim Theatersommer Ludwigsburg. In Mannheim gibt sie jetzt neben der Ex-Geliebten Kachelmanns gleich auch noch die Bruni – ein Aufwasch eben. Den männlichen Part des Stücks verkörpert Dirk Mühlbach, der allerdings mit dem Wettermoderator, aber auch mit dem von der Nebenklägerin für ihr eigenes Filmprojekt so dringend gewünschten George Clooney (…) in etwa so viel Ähnlichkeit hat wie die Maus „Jerry“ mit der Katze „Tom“. Dieser Schauspieler hat immerhin schon ein bisschen grössere Bühnenluft geschnuppert: Beginn der Karriere am Mannheimer Nationaltheater, Staatstheater Stuttgart, nun freier Schauspieler z.B. an der Seite von Raimund Harmstorff in „Götz von Berlichingen“ bei den Burgfestspielen Jagsthausen. Auch im Fernsehen konnte man ihn schon sehen, unter anderem im „Tatort“ oder in „Ein Fall für Zwei“ wie auch in Spielfilmen.

Diese beiden allerdings mehr als mässig bekannten Darsteller schlüpfen nun also in verschiedene Personen, die während des Prozesses eine Rolle gespielt haben – und stellen natürlich (und hauptsächlich, mag man anmerken) die beiden unterschiedlichen Sichtweisen des angeblichen Tatgeschehens nach, so, wie sie bisher in der Öffentlichkeit bekannt geworden sind. Dabei scheint es recht drastisch zuzugehen, wenn man den Probenaufnahmen aus dem Berliner Kurier Glauben schenkt (Ist das Kunst? So hart geht es im Kachelmann Stück zur Sache | Panorama – Berliner Kurier): nackte Haut verkauft sich eben am besten, wenn die eigentlichen Inhalte dünn und dünner werden.

Auf die Zuschauer scheint Sascha Koals künstlerischer Erguss allerdings eher wenig Eindruck gemacht zu haben („Brüchigkeit von Wahrheit“: Premiere für Kachelmann-TheaterstückTT Online): auch wenn er sich redlich bemüht, den Werbefeldzug für sein Kleinsttheater dramaturgisch zu überhöhen, in dem er verkünden lässt, in dem Stück gehe es „um die Vielschichtigkeit von Wahrheit und um die prinzipielle Brüchigkeit von Wahrheit“, und damit zusammen mit dem Titel des Stücks auf den sogenannten „Rashomon-Effekt“ (nach dem Titel einer Erzählung des japanischen Autors Akutagawa Ryunosuke) anspielt, so erntet sein Werk letztendlich nur wohlwollenden (ein euphemistisches Wort für mitleidigen), aber keinen frenetischen Beifall der knapp 60 Zuschauer. „Die Schauspieler haben gut gespielt, aber ich brauche nicht unbedingt das Stück“, bilanzierte eine Zuschauerin. „Das Thema ist eigentlich vorbei.“

Also kein Skandal, dieses Theaterstück, eher eine kleine Randnotiz im Nachgang zu dem spektakulären Prozess um den Wettermoderator, der sich im übrigen selbst recht entspannt – wenn auch mit einem etwas resigniert-fatalistischen Unterton zu diesem Werklein äusserte:

„Ich habe eine lügende Schwetzinger Falschbeschuldigerin ausgehalten, lügende Schwetzinger Polizisten, eine lügende Mannheimer Staatsanwaltschaft und 132 Tage unschuldig im Herzogenried. Da kommt’s mir nun auf Leute, die mit meinem Namen auf meinem Buckel ein paar Leute mehr in ihre provinzielle Kleinkunstwelt locken wollen, auch nicht mehr an“,

so der 53-Jährige in einer Erklärung, die sein Anwalt der Nachrichtenagentur dpa weiterleitete (Theaterstück zu Kachelmann-Prozess – „Darauf kommt’s auch nicht mehr an“ – Kultur – sueddeutsche.de).

Eigentlich könnte es damit sein Bewenden haben, doch ganz so schnell sollte man den Blick doch nicht wenden von dieser Randnotiz, denn sie lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf den eigentlichen Skandal: nämlich den Umstand, dass bis heute in der Öffentlichkeit weiterhin zwei Versionen über den angeblichen Tatverlauf kursieren – und diese beiden Versionen immer noch als nahezu gleichwertig gegeneinander gestellt werden können.

Tatsächlich ist da auf der einen Seite die Version des erfolgreichen Unternehmers Jörg Kachelmann, die hinsichtlich des angeblichen Tatgeschehens in keinem einzigen Punkt widerlegt werden konnte – und dem man allenfalls die Vorwürfe machen kann, zum einen vor dem angeblichen Tattag einen Umgang mit seinen Freundinnen gepflegt zu haben, der moralisch angreifbar ist, zum anderen in seiner Vernehmung vor dem Haftrichter den Umfang seiner Beziehung zur Nebenklägerin bagatellisiert zu haben. Beides nicht schön, aber nicht ansatzweise strafbar und eben keinen  Rückschluss liefernd für angeblichen Lügen zum Verlauf des Tages, an dem er seine ehemalige Geliebte das letzte Mal in ihrer Wohnung besuchte.

Und auf der anderen Seite ist da die Version der von der Staatsanwaltschaft und dem Gericht der vierfachen Lüge zu wesentlichen Teilen des Randgeschehens überführten Nebenklägerin, der man attestierte, dass sie anlässlich des Verfahrens

„ihre Fähigkeit zur Konstruktion und Aufrechterhaltung einer Falschaussage unter Beweis gestellt“

habe und bei der

„Bestrafungs- und Belastungsmotive nicht ausgeschlossen werden“

können.

Ihre Version – im Gegensatz zu der des rechtskräftig freigesprochenen Jörg Kachelmanns –

„selbst weist erhebliche Mängel auf, die bereits die sog. Mindestanforderungen betreffen (Logik, Konsistenz, Detailierung, Konstanz, Strukturgleichheit). Demzufolge kann ein etwaiger Erlebnisbezug der Aussage oder umschriebenen Aussagekomplexen mit aussagepsychologischen Methoden nicht bestätigt werden.“

Und trotzdem kann auch diese mehr als mangelhafte und zusätzliche durch massive Lügen bzgl. des wesentlichen Randgeschehens belastete Darstellung weiterhin Gegenstand der öffentlichen Diskussion und Gegenstand einer künstlerischen Darstellung (der Kunstbegriff ist ja durchaus weit gefasst) sein, und dies führt zum eigentlichen Kern des Skandals: ein Skandal, der darauf beruht, dass die Staatsanwaltschaft Mannheim weiterhin absichtlich die tatsächlichen Erkenntnisse sowohl des Oberlandesgerichts Karlsruhe als auch die die des Landgerichts Mannheim unter Verschluss hält – und darin von Teilen der Mannheimer Justiz tatkräftig unterstützt wird.

Es wird Zeit, dass dies endlich aufhört und die Staatsanwaltschaft Mannheim den Beschluss des OLG Karlsruhe und des LG Mannheim für die gesamte Öffentlichkeit freigibt, damit diese Nachverurteilung, wie sie jetzt auch wieder das Theaterstück in Mannheim (vielleicht sogar unabsichtlich, trotzdem aber eben zu Lasten eines rechtskräftig Freigesprochenen) vornimmt, aufhört – auch wenn dies für die Ermittlungsbehörde peinlich sein könnte, würden so nämlich ihre zirkelschlüssigen Argumentationen bei der Ermittlung, bei der Anklageerhebung und im laufenden Prozess (und der frühe Zeitpunkt ihrer Aufdeckung) für jeden offenbar. Dies kann aber nun wirklich nicht eine angemessene Information der Öffentlichkeit zum Schutz der Interessen eines zu rehabilitierenden ehemaligen Angeklagten verhindern.

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