Jesus Christus: Eine wahre Geschichte…

Posted on 17. April 2012

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© Dieter Schütz / pixelio.de

Manchmal denke ich, wir Christen sollten viel öfter darauf hinweisen, dass nicht nur das Sterben von Jesus Christus am Kreuz die Botschaft unseres Glaubens ist. Mich jedenfalls fasziniert der lebende und der wieder auferstandene Jesus Christus viel mehr – und der Jesus Christus, der in uns ist. Deswegen hat mich eine Geschichte besonders stark berührt, die ich am letzten Sonntag von Herrn Pastor Thomas Guddat in der St.Nicolai-Kirche in Deinsen (Deinsen – Wikipedia.) gehört habe.

Ausgangspunkt waren Auszüge aus dem Evangelium zum Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung des Herrn; es steht bei Markus im 16. Kapitel (Markus 16 (Luther 1912):

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten!  Gehet aber hin und sagt’s seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat.

Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.

Pastor Guddat predigte hierzu:

Diese Geschichte kennen Sie, liebe Gemeinde. Aber kennen Sie auch die Fortsetzung dieser Geschichte, gut 1980 Jahre später?

Es ist eine geradezu unglaubliche Geschichte, so wie die alte, die wir eben in der Lesung gehört haben. Aber ich versichere Ihnen: Sie ist wahr. Sicher, ein paar Dinge habe ich erfunden. Aber ansonsten ist diese Geschichte so wahr wie die alte Geschichte des Markus.

Diese neue Geschichte beginnt heute Morgen, sehr früh.

Als die Sonne aufging, saß Jesus in der Fußgängerzone und dachte nach. Er dachte an das, was er gestern erlebt hatte.

Als Erstes an die alte Frau, die im Supermarkt vor ihm an der Kasse gestanden hatte. Die Einkaufstasche war so schwer gewesen. Sie hatte sie kaum tragen können. Erst hatte sie ja misstrauisch geguckt, als er ihr anbot, die Tasche zu tragen. Sie kannte ihn ja nicht. Abe dann hatte sie gelächelt und gemeint: „Ach, wenn Sie so freundlich sein wollen…?“

Jesus hatte ihr die Tasche bis in die Küche getragen, und als sie fragte: „Wie wäre es, bleiben Sie noch auf eine Tasse Tee?“, da hatte er „Ja!“ gesagt. Und dann hatten sie geredet, vielmehr: sie erzählte und er hörte ihr zu.

Erst ging es über dies und jenes, und dann sprachen sie über die Bilder, die an der Wand hingen: Die Zeichnung vom Elternhaus, damals in Ostpreußen, das Foto von dem Mann in Soldatenuniform. „Vor Stalingrad geblieben, wissen Sie“, dann die Bilder von den Kindern und Enkeln, die einen schon lange in Amerika, die andern wohnten gar nicht weit weg.

Er hatte ihr zugehört, und wenn sie immer wieder ängstlich sagte. „Aber was rede ich, das interessiert Sie sicher gar nicht!“, dann hatte er abgewunken, gelächelt und nachgefragt.

Als er dann gut zwei Stunden später ging, war sie ein anderer Mensch. „Das es das noch gibt!“, strahlte sie, „zwei Stunden habe ich nun geredet und geredet. Entschuldigen Sie… aber es hat gut getan, so gut getan. Kommen Sie irgendwann noch mal wieder?“ Und er hatte gesagt: „Sicher; aber vielleicht erkennen Sie mich dann nicht.“ Da hatte sie gelacht und gemeint, so vergesslich wäre sie nun auch noch nicht.

Am Nachmittag war er dann im Krankenhaus gewesen. Station 2, Zimmer 16, dachte Jesus. Nur eine halbe Stunde war das gewesen. Er hatte am Bett des Sechzigjährigen gesessen, der alleine lag. Ohne festen Wohnsitz, stand auf dem Computerausdruck im Schwesternzimmer und Kostenträger: Sozialamt.

Er hatte ihm die Hand gehalten, dem Röchelnden immer wieder die Lippen angefeuchtet und ihm die Stirn gestreichelt. Und als der Atem aussetzte, da hatte er ihm ins Ohr geflüstert: „Bis bald!“ Jesus erinnerte sich an die schimpfende Schwester, die er auf dem Flur vor dem Zimmer traf: „Wo haben Sie denn bloß gesteckt? Ich hab Sie schon überall gesucht.“ Und er sah noch ihr überraschstes Gesicht vor sich, als er ihr entgegnete: „Ich hatte Wichtiges zu tun…“

Überhaupt, der Nachmittag war schwer und bitter gewesen. Da hatte er den anderen nachgesehen, als sie sich verabschiedeten, hastig, damit der betrunkene Vater nichts davon mitbekam. Und als er auch gehen wollte, da hatte die Mutter bitter gesagt: „Na dann. Frohe Ostern!“ Da war er geblieben.

Er hatte lange braucht, bis er sie überredet hatte, mit ihm Eier zu färben, so wie damals, als er noch ein Kind war, aber dann waren sie beide mit Spaß bei der Sache und die höhnischen Kommentare des Lallenden trafen nicht mehr.

Danach hatte er die Zeitung genommen, die neben dem mittlerweile Schnarchenden lag. Er hatte die Wohnungsanzeigen studiert und der Mutter eine angestrichen: „Die da, die wäre doch was für dich.“ Und die Mutter hatte zum ersten Mal nicht gleich „Nein“ gesagt, sondern: „Gar nicht schlecht. Und noch nicht einmal teuer…“

Abends war dann die Osternacht für Jugendliche. Viele waren sie nicht gewesen. Als er so um Mitternacht ging, hatte der Diakon gemeint, es wären ja doch immer nur die gleichen und ob das überhaupt einen Sinn hätte, bei dem bescheidenen Echo…

Er hatte gesagt: „Lass man. Mir hat das gut getan, wirklich. Für mich war das ganz wichtig.“ Da hatte der Diakon gelacht, richtig befreit und gemeint: „Lass dich mal wieder sehen.“ Und er hatte geantwortet: „Sicher, aber eben immer wieder anders.“

„Wie ich das gemeint habe“, dachte Jesus, „da muss er schon selber drauf kommen.“

Um halb zwei hatte er dann die 17-Jährige getroffen, die torkelte halb auf der Straße. Er war mit ihr nach Hause gegangen, und er hatte ihr zu trinken gegeben, Mineralwasser, ganz viel. Als sie allmählich halbwegs wieder klar war, hatte sie geweint und er hatte nur so da gesessen. Sie erzählte ihm von ihrem Liebeskummer und wie öde die Arbeit sei, dass sie überhaupt alles ziemlich sinnlos fände. Eine ganze Menge Düsteres kam aus ihr heraus.

Irgendwann bot sie ihm an, mit ihr zu schlafen. Da hatte er „Nein“ gesagt und sie geantwortet: „Danke!“ Als er sich verabschiedete, hatte sie ihm ein Röhrchen mit Tabletten in die Hand gedrückt. „Nimm sie mit. Damit ich keine Dummheiten mache. Meine Eltern sind noch bis Ostermontag im Harz, und da…“

Er tastete nach dem Röhrchen, dann fiel ihm ein, dass er sie gleich in den nächsten Gully geworfen hatte. Im Ohr hatte er noch ihr ungläubiges Lachen, als er, schon in der Tür, zu ihr sagte: „Morgen früh geh ich übrigens zur Kirche.“ – „Ins Museum?“, hatte sie ihn lachend gefragt und als er erwiderte: „Du wirst es nicht glauben, aber da gehöre ich hin“, hatte sie weiter gelacht und gemeint, dafür sei er doch zu lebendig.

„Ja“, dachte Jesus, „da gehöre ich unbedingt hin, in die Kirche um 10.30 Uhr. Da werden Frauen, Männer und vielleicht auch ein paar Jugendliche sein. Die werden die Geschichte von damals hören und dann werden sie sich den Kopf zerbrechen, wie das denn zugehen kann: Ein Grabstein einfach so weggerollt, einer der tot war, nun in einem neuen Leben.“

„Kein Engel, sondern der Pastor in seinem hellen Gewand wird versuchen zu erklären, dass ich damals den Tod besiegt habe und dass ich lebe. Ich befürchte“, denkt Jesus, „viele werden nur hören: Ja, damals, und dann an mich denken, wie man an einen Toten denkt. Ich muss da unbedingt hin und ihnen klarmachen, dass ich nicht in die Vergangenheit gehöre so wie Goethe und der alte Bach. Vielleicht werden sie sogar enttäuscht sein, dass ich mich nicht in den alten Texten, den schönen Liedern konservieren lasse. All das ist eben nur ein Lebenszeichen von mir.“

„Sicher sind sie überrascht“, dachte er, „dass ich mich in ihr Leben einmische. Aber ich bin eben nicht tot und auch kein Spezialist  für Tote. Weil ich lebe, bin ich für Überraschungen gut. Ich bin da unbedingt nötig“, dachte er weiter, „sonst starren sie nur in ein leeres Grab und grübeln, wie denn das alles möglich sein kann. Die in der Kirche sollen nicht so schockiert sein wie die Frauen damals, wenn sie mich suchen und nicht finden. Ich muss es schaffen, dass sie mich in ihrem Leben suchen. Andernfalls verpassen sie mich. Aber ich bin sicher, wenn ich sie einmal auf die richtige Spur gebracht habe, werden sie mich in ihrem Leben erkennen und sich freuen, dass ich den Tod hinter mir gelassen habe. Dann werden auch sie nicht mehr vor dem Tod zittern, sondern ihn auslachen, so wie man einen Verlierer auslacht.“

Jesus dachte an all die Leute von gestern, die ihn nicht erkannt hatten und wusste: „Die Leute in der Kirche brauchen mich, aber ich brauche sie auch. Wer anders als sie kann denn den anderen zeigen, dass ich nicht ins Museum gehöre und nicht auf dem Friedhof der Geschichte liege.

Ich bin sicher, die da in der Kirche werden nicht stumm vor Entsetzen sein wie die Frauen damals und niemandem etwas von meinem neuen Leben sagen.

Nein, sie werden den anderen erzählen, dass ich es war, der bei ihnen war, als sie mich brauchten. Nicht, dass es mir wichtig ist, dass man mich erkennt. Aber wer einmal weiß, wer ich bin und wie ich bin, der wird mich immer wieder erkennen, wenn ich ihm begegne.“

Und Jesus fiel das Mädchen ein, das heute weinen würde, weil keiner mit ihm befreundet sein will, und die Kinder, die sich heute Nachmittag vor dem Fernseher langweilen.

„Ja, ich brauche die Christen hier“, dachte er. „Es gilt, noch so viel Tod zu besiegen, Abgestorbenes aufzuwecken. An Ostern, an jedem Tag. Dazu brauche ich sie. Aber erst einmal brauchen sie mich.“

Und so ging er, als die Glocken läuteten, in die Kirche, damit wir ihn nicht verpassen.

Und wer nun denkt: „Da hat der Pastor sich aber ein tolles Märchen ausgedacht!“, dem sei gesagt: Die Wahrheit hört sich oft unglaublich an. Sicher aber immer an Ostern.

Amen!

Ich danke Pastor Thomas Guddat dafür, dass ich die Predigt veröffentlichen darf.

Photo: www.pixelio.de