FriedensDekade 2012: Mutig für Menschenwürde

Posted on 14. November 2012

0


Die FriedensDekade 2012 steht unter dem Motto: Mutig für Menschenwürde. Sie findet vom 11. bis 21. November 2012 bundesweit statt. Der Trägerkreis der Ökumenischen FriedensDekade, in dem Kirchen und christliche Friedensorganisationen zusammengeschlossen sind, legte das Motto auf einer Tagung in Fulda fest und möchte in der kommenden FriedensDekade dazu ermutigen, sich stärker als bisher für Menschenwürde und Menschenrechte einzusetzen.

Wie leben Flüchtlinge und ihre Kinder in Deutschland? Wie schleicht sich rechtes Gedankengut auch in kirchliche Strukturen ein? Wie kann Mobbing Einhalt geboten werden? Das sind einige der Fragen, denen die FriedensDekade im kommenden Jahr nachgehen will. Und der Blick geht erneut über den eigenen Tellerrand hinaus. So wird die FriedensDekade erneut über Waffenfirmen informieren, die den Tod exportieren. Aber auch auf andere Unternehmen will sie aufmerksam machen, die z. B. soziale Menschenrechte im Ausland verletze. Und schließlich wird die Thematik des Menschenhandels und Prostitution zum Thema gemacht werden, genauso wie die Verfolgung von religiösen Minderheiten.

Der Einsatz militärischer Mittel wird oftmals mit Menschenrechten begründet, mit Frauenrechten wie in Afghanistan oder mit dem Schutz der Zivilbevölkerung wie in Libyen. “Ein Leben in Würde kann nicht durch Krieg hergestellt werden”, betont hingegen Jan Gildemeister, Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) und Koordinator der FriedensDekade. “Wir kennen viele Beispiele, wo Menschen sich wie in Nordafrika mutig und gewaltfrei für politische Veränderungen einsetzen und sich militärischer Gewalt widersetzen. Von solchen Friedensstiftern wollen wir während der FriedensDekade berichten.”

Marina Kiroudi, orthodoxe Referentin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und Koordinatorin der FriedensDekade verweist auf die theologische Dimension des Mottos. “Wir stellen die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, wie er im Schöpfungsbericht berichtet wird, bewusst in den Vordergrund. Dem christlichen Verständnis nach zeigt sich in jedem Menschen Gottes Abbild, das ihm eine unantastbare Würde verleiht. Sich für deren Achtung einzusetzen, erfordert in verschiedenen Kontexten besonderen Mut.”  So wurde neben der alttestamentarischen Stelle in Genesis 1, 27 eine Stelle aus dem Markusevangelium (Mk 7, 24-30) als Bezugsstelle für Meditationen, Gebete und Gottesdienste im Rahmen der Ökumenischen FriedensDekade ausgesucht.

Ökumenische Friedensdekade: Motto 2012: Mutig für Menschenwürde.

Auch in Elze findet die FriedensDekade statt, und die Andacht am Freitag, den 14.11.2012, 18:15 Uhr in der Peter und Paul-Kirche wird von mir gestaltet:

Die Texte finden Sie nachfolgend:

I.

Begrüssung

Ich begrüsse Sie herzlich zur heutigen Andacht im Rahmen der diesjährigen Friedensdekade, deren Thema „Mutig für Menschenwürde“ ist.

Zur Menschenwürde gehört untrennbar das Recht auf Frieden, aber auch das Recht auf Freiheit – körperliche Freiheit, aber auch diejenige der Gedanken.

Und mit diesem Spannungsfeld zwischen der Freiheit und dem Frieden wollen wir uns heute ein wenig beschäftigen. Doch lassen Sie uns zunächst beten:

II.

Gebet

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;

dass ich Liebe entzünde, wo Finsternis regiert;

dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,

nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;

nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;

nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;

wer sich selbst vergisst, der findet;

wer verzeiht, dem wird verziehen;

und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

III:

Zum Nachdenken:

Sie kennen doch sicherlich das Volkslied  „Die Gedanken sind frei“. Es wurde schon 1780 veröffentlicht und war von Anfang an ein Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit.

1. Die Gedanken sind frei
wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei:
Die Gedanken sind frei!

2. Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still’
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

3. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gedanken_sind_frei

Die Gedanken sind frei! Ein höchst christlicher Grundsatz, denn Gott will, dass der Mensch frei ist, das Gute zu tun und die Liebe zu leben. Paulus schreibt (Röm 13,8): „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.“

Und auch das Wirken von Jesus Christus ist befreiendes Wirken. Er heilt die Kranken, befreit sie von Dämonen, erweckt Tote zum Leben. Er speist die Hungernden. Und dabei bedenkt der die Freiheit liebende Jesus auch, wie gefährdet die Freiheit ist, wie sie zu Willkür und Tyrannei werden kann. Im Grossen, wie im kleinen.

Deswegen ist Jesus streitbar und setzt Freiheit nicht gleich mit Frieden um des lieben Friedens Willen; so spricht er einmal zu seinen Jüngern:

„Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter“.

Doch warum spricht Jesus vom Klassiker, vom Streit zwischen Kindern und Eltern? Weil Väter und Mütter es gut meinen und genau wissen, was gut ist für ihre Kinder. Weil Eltern alles durch die Brille ihrer eigenen Erfahrung betrachten und die am liebsten auf die Kinder übertragen möchten, damit diese ihr Leben fortsetzen.

Weil Kinder mit den Eltern streiten, denn sie haben eigene Pläne – und sei es nur der Plan, dass sie nicht so „voll peinlich“ oder „uncool“ werden wollen wie die Eltern.

Weil Eltern trotz all ihrer Fehler stolz sind auf das, was sie geleistet haben, und weil Kinder, die noch keine Fehler gemacht haben, sich für unfehlbar halten.

Als eigentlich unbeteiligter Dritter möchte man bei solchen Streitereien am liebsten rufen: „Hört auf, streitet Euch nicht mehr, haltet Frieden!“ Aber Jesus Christus schüttet sogar noch Öl ins Feuer: …ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter“ !

Und warum ruft Jesus auf zu diesem Streit? Sohn mit Vater, Tochter mit Mutter, das ist das Bild für den ewigen Konflikt zwischen Jung mit Alt:

Bleibt nicht stehen bei dem, was gestern war und andre sich dachten. Sucht nach dem, was der lebendigen Wahrheit so nah wie möglich kommt. Schwatzt nicht daher, was euch spontan einfällt, sondern bildet euch. Hört hin, was die Alten mit Gott erlebt haben. Lernt die Sprache der Seele. Aber dann seid ihr selbst. Gott ist der, der war, und der jetzt ist, und der euch aus der Zukunft ruft (JohOffb 1:8). Ihr müsst selber eine Antwort riskieren. Eure eigene Antwort, heute! Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Nicht Artigkeit ist die erste Christenpflicht, sondern Geistesgegenwart.

Dabei geht dieser Streit weit über die Christenheit hinaus. Die Frage, wer Gott eigentlich ist, betrifft schliesslich jede Religion. Wir haben uns inzwischen eine schlappe Lässigkeit angewöhnt, ein politisch korrektes Abwinken, was die Gottesfrage betrifft. Man lässt sich gegenseitig damit in Ruhe, wir sind schliesslich eine tolerante Kirche, eine tolerante Gesellschaft, da ist man friedlich miteinander, höflich, richtig „fried-höflich“ eben. Und dabei hängt an der Frage, wer Gott ist, die Freiheit der halben Weltbevölkerung.

Jesus geht es also um die Streit nach dem richtigen Weg, und der ist nicht neu. Das glauben Sie nicht? Dann glauben Sie wahrscheinlich auch nicht, dass in der christlichen Kirche ebenfalls schon über Kopftücher gestritten wurde?

Es ist eine Weile her, so knapp 2000 Jahre, da wurde dort gestritten, ob christliche Frauen Kopftücher tragen müssen. Was haben sich unsere Altvorderen aufgeregt über die Frauen, die ihre Kopftücher abgelegt hatten! Eine Schande, sei das, Frauen ohne Kopftücher! Wenigstens im Gottesdienst müsse man doch auch von einer Christin erwarten können, dass sie ihr Haupt bedeckt, so schreibt der Apostel Paulus im 1.Korintherbrief Kap.11 Verse 1-5.

Und das war keine Modefrage, damals wie heute! Das Kopftuch, so meinten damals Christenmänner, sei eben nicht nur ein Modeartikel, sondern ein religiöses Zeichen dafür, dass die Frau „eine Macht auf ihrem Haupte“ trage, und zwar die des Mannes, unter dem sie nun einmal stehe (1.Kor 11:10). Christus sei das Haupt des Mannes, der Mann sei das Haupt der Frau, ja, so sagte man(n). Und deshalb hätten auch die Christenfrauen ihre Haare zu bedecken.

Das steht so in der Bibel, war allerdings damals schon ziemlich umstritten, Paulus jedenfalls ruderte schon drei Sätze später flugs wieder zurück – wohl auch in Sorge um die weibliche Anhängerschaft: „Doch ist weder das Weib etwas ohne den Mann, noch der Mann etwas ohne das Weib in dem Herrn; … alles kommt von Gott“ so in 1.Kor.11 Verse 11 und 12.

Da hat Paulus gerade noch einmal die Kurve bekommen, oder, wie man das wohl heute nennen würde, er äusserte sich letztendlich doch noch „politisch korrekt“…. in beiden Richtungen.

Und dann verbot er noch schnell das Selbstdenken in bester Basta-Manier: „Ist jemand unter euch, der Lust hat, darüber zu zanken, der wisse, daß wir solche Weise nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.“ 1.Kor.11:16. So frei sollten die Gedanken also doch nicht sein.

Dabei war die Frage der in diesem Punkt anscheinend schon damals sehr aufmüpfigen Frauen doch berechtigt – und ist es heute noch: Sagt ihr Männer das mit dem Kopftuch und der Unterordnung der Frau – oder ist das Gottes Wille? Schliesslich sind doch vor Gott Frauen genau wie Männer seine Ebenbilder, wieso dann diese Unterschiede?

Es geht also gar nicht um ein Kopftuch! Es geht um die Freiheit der Gedanken. Es geht um ein Symbol wider die Menschenwürde, es geht um gleiches Recht für beide Geschlechter. Denn die Wahrheit ist: uns Männern gefiele das vielleicht mit den Kopftüchern und der damit nach aussen bezeugten Unterwürfigkeit der Frauen. Aber mit Freiheit und Menschenwürde hat das wenig zu tun – und damit auch nichts mit Gottes Willem: Wenn also Frauen Kopftücher tragen, dann bitte nur, weil sie selbst es schick finden und es ihnen gefällt. Aber bitte nicht, weil Gott dies angeblich verlangt. Tut er nämlich nicht.

Sie sehen: Was ist tatsächlich von Gott im Glauben und was ist von Menschen gemacht? Wer darf sagen, was ich tun, sagen und denken darf? Wer darf für Gott sprechen oder „um Gottes Willen“ über mein Leben bestimmen? Welche Gedanken sind frei – frei vor Gott?

Darum müssen wir streiten, so schärft es uns Jesus ein. Mit selbstkritischer Redlichkeit, mit ganzem Herzen, mit all unserem Verstand und in aller Freiheit, zu der wir fähig seid. „Gott ist Geist. Und wo der Geist des HERRN ist, da ist Freiheit“ (2.Kor. 3, 17).

Deswegen müssen wir Gott selber suchen! Wir müssen darüber streiten, wer Gott ist. Jeder Mensch, ob jung oder alt. Jeder hat die Freiheit und die Pflicht, Gott zu suchen. Gott sucht den Menschen, jeder hat mit und in seinem Leben die eigene authentische Antwort zu geben. Das ist christliche Freiheit. Das ist, was Christen glauben. Das ist Teil der Freiheit eines Christenmenschen. Das ist der Zündfunke der demokratischen Streitkultur, der Ursprung unserer Zivilgesellschaft.

Und bedenken wir, wenn wir mal wieder vor angeblich heiligen Traditionen kapitulieren sollen: Political correctness ist keine gepflegte Form der Zurückhaltung, sondern eine schroffe Form der Zensur; sie macht  etwas passend und stutzt es zurecht, so, wie es diejenigen haben wollen, die die Meinungshoheit haben. Ein Kopftuch ist eben keine Modefrage, wenn es zum Zeichen der Schlechterstellung der Frau missbraucht wird, auch wenn die einzelne Frau sagt, sie wolle es so. Trotzdem verletzt es ihre Menschenwürde, und die ist nicht nur bei Christen unantastbar und unverzichtbar, sondern eben auch nach den christlich geprägten Prinzipien unseres Grundgesetzes. Stehen wir dazu und opfern diese Menschenwürde nicht auf dem Altar der politischen Korrektheit!

Denn unsere Political Correctness wird im Jüngsten Gericht kein Argument sein, dort wird Gott uns fragen: Was hast Du gesehen? Was hast du wahrgenommen? Was hast du für Schlüsse daraus gezogen? Wie hast du dich verhalten? Und es wird Ihn nicht beeindrucken, wenn wir sagen: Ich hab nachgesprochen, was alle sagen, habe gemacht, was ankommt, habe meinen Mund gehalten und meinen Job behalten, um des lieben Friedens willen. – Nein, diese Political correctness ist keine christliche Tugend, sondern eine Verhaltensweise, die sich nach Lob und Tadel, Belohnung und Bestrafung ausrichtet.

Religion braucht Trennschärfe! Jesus hat unsere Gedanken befreit, lassen wir uns das nicht wegnehmen! Das gilt in der evangelischen Kirche. Das gilt im Streit zwischen evangelisch und katholisch. Und weil Juden und Muslime an denselben einen Gott glauben wie wir, werden auch sie sich dieser Freiheit der Gedanken stellen müssen, früher oder später. Darum müssen wir streiten. Um Gotteswillen. Um der Menschen willen. Für uns ist das ein Gebot des Herrn, und da sollte uns politische Korrektheit nicht zurückhalten.

Amen.

IV.

Gebet

Lasst uns beten, so, wie es uns Jesus Christus gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

V.

Segen

Mögen 14 Engel bei Dir steh´n.

2 zu Deiner rechten,

2 zu Deiner linken,

2 zu Deinem Haupte,

2 zu Deinen Füßen,

2 die Dich decken,

2 die Dich wecken,

2 die Dich führen in das himmlische Paradies.

Amen.

Photos: FriedensDekade.de