Gott kommt in unser Leid hinein – Predigt zum Sonntag Judica (17.03.2013)

Posted on 17. März 2013

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© Markus Oberndörfer  / pixelio.de

© Markus Oberndörfer / pixelio.de

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Der letzte Sonntag Lätare war das kurze Aufatmen mitten in der Passionszeit. „Freuet euch mit Jerusalem“ rief der Prophet Jesaja, denn Gott handelt.

Unser heutiger Sonntag Judika aber lenkt unseren Blick schon wieder unerbittlich auf das Geschehen um das Leiden Christi. „Gott schaffe mir Recht“, steht im Psalm 43, den wir gerade gebetet haben – und in der Tat: wir nähern uns schnell der Karwoche, in welcher Recht geschaffen wurde durch das Leiden und das Sterben unseres Herrn Jesu Christi.

Auf diesem Weg hin zu Karfreitag hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag, das bei Johannes im 11. Kapitel steht, dort in den Versen 47 bis 53:

„Darauf beriefen die Hohepriester und Pharisäer eine Sitzung des Hohen Rates ein. Sie fragten sich: »Was sollen wir bloß tun? Dieser Jesus vollbringt viele Wunder, und wenn wir nichts gegen ihn unternehmen, wird bald das ganze Volk an ihn glauben. Dann werden die Römer eingreifen, und schließlich haben wir keinen Tempel mehr und auch keine Macht über das Volk.«

Einer von ihnen, Kaiphas, der in diesem Jahr Hohepriester war, sagte: »Ihr begreift gar nichts! Überlegt doch einmal: Für uns alle ist es besser, wenn einer für das Volk stirbt, als dass ein ganzes Volk zugrunde geht.«

Kaiphas sprach damit etwas aus, was nicht aus ihm selbst kam. Er war in diesem Jahr Hohepriester, und Gott hatte ihm diese Worte in den Mund gelegt. Denn Jesus sollte für das Volk sterben — aber nicht allein für das jüdische Volk. Alle Kinder Gottes aus allen Völkern sollten durch ihn zusammengeführt werden.

Von dem Tag an waren die führenden Männer der Juden fest entschlossen, Jesus zu töten.

Der Herr segne an uns SEIN Wort! Amen!

Wie soll man sich diese Szene vorstellen, in der dieser folgenschwere Beschluss gefasst wird, Jesus zu töten?

Mir fiel dazu das Musical „Jesus Christ Superstar“ ein, denn dort ist genau diese Szene eindringlich dargestellt: Kaiphas, ein riesiger Mann mit vollem, schwarzem Bart und einem dröhnenden Bass ist der Hohepriester jenes Jahres. Er und seine Kollegen aus dem Hohen Rat, dem wichtigsten Entscheidungsgremium des religiösen Judentums zur damaligen Zeit, sind alle in tiefes Schwarz gekleidet. Sie stehen in einem dunklen Raum, ein Feuer brennt und spiegelt sich in ihren ernsten Gesichtern…

So sieht Macht aus…

Und so ein Bild von Macht über Leben und Tod zeichnet ja auch der Bibeltext: finster und mächtig, so scheint Kaiphas zu sein, der Gegenspieler von Jesus. Aber wenn man genauer hinsieht, dann ist er eigentlich genau wie seine Priesterkollegen gar nicht so mächtig: eigentlich erfüllt er nur einen Plan, den er und seine Priesterkollegen sich nicht gar nicht selber ausgedacht haben.

„Ihr wisst nichts“, sagt Kaiphas: „Es ist besser für euch, dass einer stirbt, damit das Volk leben kann“.

Und dazu schreibt der Evangelist Johannes: Kaiphas musste dies sagen, er weissagte, wie die Propheten es taten. Jesus sollte sterben – nicht nur für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammen zu bringen. Das war allein Gottes Plan.

Es ist eben nicht der böse Kaiphas oder der böse Rat der jüdischen Hohepriester, der Jesus tötet.

Dies zeigt auch der weitere Weg hin zu Jesu Tod, ein Weg, der überhaupt nicht so gradlinig ist, wie es unser Predigtwort erscheinen lässt.

Denn zu dieser Zeit war Palästina besetzt von den Römern, die Juden konnten keinen Beschluss zur Todesstrafe treffen. Sie konnten anklagen und den Angeklagten vor den römischen Prokurator bringen.

Gotteslästerung hieß ihr Vorwurf zunächst, doch dieser interessierte Pontius Pilatus nicht wirklich – es waren ja schliesslich nicht seine Götter, denen da angeblich gelästert wurde. Da brauchte er schon etwas, das die römische Ordnung in Gefahr bringen konnte.

Und schließlich fanden die Ankläger etwas, eine wirkliche Gefahr für Rom: „Jesus von Nazareth, König der Juden“, der Anspruch auf den Thron. Oh Ja, das war jetzt etwas, was Pilatus interessierte, Hochverrat, darauf stand die Todesstrafe, und so liess er es später auch auf der Tafel am Kreuz anbringen, damit die Vorbeigehenden den Grund der Todesstrafe erfuhren.

Bedenken wir also die ganze Geschichte, wenn wieder einmal dumme Menschen hier oder anderswo versuchen, die Juden nicht zuletzt aufgrund unseres Predigttextes für den Tod Jesu am Kreuz verantwortlich zu machen. Der böse jüdische Hohepriester im schwarzen Gewand hatte gar nicht die Macht, Jesus zu töten – tatsächlich war er wie viele andere auf dem Leidensweg Jesu nur Mittel zum Zweck. Denn vorbestimmt war die Richtung von einem anderen, nämlich von Gott. Erklären wir es diesen dummen Menschen.

Aber warum aber wählt Gott diesen Weg? Wäre ein anderer nicht besser gewesen? Wäre ihm nicht eine unblutigere Alternative eingefallen?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht, ich habe auf diese Fragen keine Antworten. Auch ich verstehe Gottes Wege oft nicht.

Aber das soll wohl auch so sein, denn fehlende Antworten sind etwas, worauf uns die Passionszeit unter anderem hinweisen will: dass wir eben oft ohne Antworten bleiben müssen. Wir können Gottes Wege nicht sehen und überblicken. „Noch sehen wir in einen trüben Spiegel“, schreibt Paulus, „einst aber werden wir erkennen, wie wir erkannt worden sind.“

Das heisst jetzt aber nicht, dass wir alles hinnehmen müssen, nur, weil wir Gottes Plan nicht kennen. Wir sollen doch nicht mit geknicktem Haupte alles geschehen lassen, weil wir sowieso keinen Einfluss haben. Gottes Willen zu folgen, ohne ihn zu kennen, heisst nun nicht, sich willenlos treiben zu lassen.

Natürlich, in dieser Welt, in der wir leben, ist das Paradies nicht zu finden. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ mahnt uns die diesjährige Jahreslosung. Und jeder, der uns das Paradies auf Erden verspricht, wird uns zwangsläufig in die Irre führen. Denn dazu ist unser Abstand von Gott zu groß – und unsere Freiheit hier auf Erden ist ebenfalls zu groß.

Denn nicht alles auf Erden entspricht allein Gottes Plan. Kriege entstehen nicht als Naturkatastrophe, sondern durch den Willen von Menschen. Lebensmittel werden nicht gepantscht oder falsch ausgezeichnet aus heiterem Himmel, sondern es stehen Menschen dahinter, die Entscheidungen treffen, weil sie die Freiheit dazu haben. Und andere Menschen, die etwas dagegen tun könnten, tun dies nicht, ebenfalls, weil sie sich aus freiem Willen dagegen entschieden haben. Es gibt so vieles, was nicht so endgültig von Gott bestimmt ist wie Kaiphas Handeln in unserem Predigttext.

Aber das, was mit diesem Beschluss im Hohen Rat in Jerusalem begann, ist etwas Besonderes, es hat am Ende Gott selbst in unser Leid gebracht, am Kreuz, im Tod. Gott wird in Jesus Christus wahrer Mensch in diesem Sterben, in dieser Gottesferne. Aber eben nicht, um darin zu bleiben, sondern, um sie zu besiegen. Wenn wir über die Passion hinaus schauen, dann sehen wir die Auferstehung Jesu als Beginn der neuen Schöpfung, die uns Christen zeigt: es wird nicht dabei bleiben. In Christus sind der Tod und das Leid besiegt. Ein für alle Mal.

Und durch das, was Kaiphas nach Gottes Willen einleiten musste, haben wir das Andere, das Neue, das Reich Gottes schon hier auf Erden, während wir gleichzeitig noch mit dem Alten zu kämpfen haben. Martin Luther hat dies überzeugend beschrieben, indem er uns als zugleich gerettet und zugleich noch Sünder gesehen hat.

So werden wir in der Passionszeit daran erinnert, dass das Leiden für andere einen Sinn haben kann. Oder, ein bisschen einfacher und verständlicher ausgedrückt: wir Menschen besitzen eben auch die Freiheit, uns einzusetzen für das Lebenswerte. Menschen, Christen leben von der Freiheit, die Gottes Geist verheißt. Freiheit nicht nur für sich selber, sondern eigentlich viel besser: Freiheit von sich selber. Befreit von der scheinbaren Notwendigkeit, immer nur auf sich selbst blicken zu müssen. Befreit zum Blick auf den Nächsten.

Das klingt für sie immer noch sehr theoretisch. Dann mache ich es anschaulicher: Wer sich einsetzt für seinen Nächsten, der wird eben nicht immer nur belohnt in dieser Welt. Oft muss er sich auseinandersetzen mit Unverständnis, mit Kritik und mit Gegenwehr. Denn wer bereit ist einzustehen für die Armen, die Schwachen, die Notleidenden, die Traurigen, diejenigen, die nicht teilhaben an unserer Wünsch-Dir-Was-Gesellschaft, der steht ein Stück weit gegen die Gesetze, die in unsere Welt gelten – er macht sich zumindest verdächtig und wird bestenfalls spöttisch belächelt. Aber ich bin mir sicher, liebe Gemeinde, trotz dieser Widerstände wird er letztendlich befreit sein, schon allein deswegen, weil er bei seinem Einstehen für Andere selbst herausgefordert wird, umzudenken und bestärkt zu werden in seiner eigenen Sicherheit, Gottes Weg zu folgen!

Gott wird uns den Nächsten zeigen, der auf unsere Hilfe angewiesen ist. Und auch wir werden für unser „Leiden-müssen“ für einen Anderen eine Entschädigung erfahren – eben durch jene Menschen, die auch bereit sind, für uns da zu sein, wenn wir Leid in unserem Leben erleben müssen. Das ist Gottes Weg für uns. Wir müssen ihn nur gehen.

Und der Friede Gottes, der euch nie allein lässt, gerade nicht im Leide, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Dies ist eine Lektorenpredigt. Sie beruht auf der Predigt

Gott kommt in unser Leid hinein
Predigttext: Joh 11,47-53
Prediger: Pfarrer Mark Meinhard
Ort: Ev.-Luth. Kgm. Hiltpoltstein
Predigtjahr: 2007

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Photo: www.Pixelio.de

Posted in: Kirche, Privat