Ägypten: Wenn der Kampf gegen Despoten nicht gleich dem Kampf gegen Despoten ist

Posted on 5. Juli 2013

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© Dieter Schütz  / pixelio.de

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Ein Mann an der Spitze einer radikalen Partei, die gegen die Demokratie ist, verspricht dem Volk Wohlstand und gesicherte Lebensverhältnisse nach einer Zeit des Chaos. Das Volk wählt ihn, kurz danach setzt er die Verfassung ausser Kraft, erlässt Ermächtigungsgesetze, unterhöhlt das Rechtssystem, regiert  als Alleinherrscher und schaltet die Opposition aus. Einige Wochen später brennen die Gebetshäuser einer Minderheit.

Ach, Sie können es nicht mehr hören, dieses Gerede über die dunkle, schreckliche Vergangenheit hier in Deutschland? Aber Nein, ich rede doch gar nicht von der Machtergreifung Hitlers und seiner Nazitruppen, die mit der Installation eines Terrorregimes und Synagogenbränden einen ersten schrecklichen Höhepunkt erreichte.

Ich rede von Ägypten und der fatalen Entwicklung, die dieses Land nach der Befreiung von einem Alleinherrscher und nach den ersten weitgehend demokratischen Wahlen in den letzten Monaten genommen hat.

Aber es gibt Unterschiede, denn natürlich war der dortige neue Despot Mursi kein neuer Hitler, und seine Muslimbrüder sind nicht ansatzweise die NSDAP, und  deswegen konnte sich die Opposition im Land formieren und den Protest organisieren.

Aber am Ende war es die Armee, die aus zwar in erster Linie selbstsüchtigen Motiven (dem Schutz ihrer wirtschaftlichen Machtposition), aber immerhin auf Seiten der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung diesem Treiben eines wahrhaftig nicht demokratischen Präsidenten ein Ende bereitete.

Und da taugt dann doch ein Blick in die deutsche Geschichte: wir feiern die Attentäter des 20.07.1944 als Helden;  bei allem hohen Respekt, die ich vor dem Mut und der persönlichen Opferbereitschaft der damaligen Militärs habe, eine Demokratie war nicht deren Ziel, und sie haben dem bösen Treiben, als die Weimarer Republik durch Hitler zerstört wurde, keinen Einhalt geboten – sie wurden erst aktiv, als sich die Position des deutschen Militärs als ausweglos darstellte – so richtig nur aus allein lobenswerten Gründen handelten diese inzwischen als Helden gefeierten Menschen also auch nicht. Und die Anzahl der Geschundenen, Ermordeten und Entrechteten, die vorher geduldet (und vielleicht sogar aktiv verschuldet) wurden, geht in die Abermillionen.

Es ist also nicht Alles schwarz oder weiss, und deswegen verwundert es mich schon, wenn man das Eingreifen des Militärs in Ägypten nun auf Seiten deutscher Politiker insbesondere deswegen so kritisch sieht, weil damit ein demokratisch gewählter Präsident aus seinem Amt „geputscht“ worden ist.

Würden wir – in einer Nachbetrachtung, die natürlich immer viel, viel einfacher ist – Graf  von Stauffenberg und die übrigen Militärs des 20.07.1944 auch Putschisten gegen einen demokratisch legitimierten Präsidenten nennen, wenn diese schon nach der Reichsprogromnacht dem braunen Terror in Deutschland ein Ende bereitet hätten?

Und sollten wir nicht aus der Geschichte lernen, dass es nur ganz selten ein Volk allein ist, welches einen Despoten absetzen kann?

Mir jedenfalls ist die derzeitige Kritik an dem Eingreifen des Militär in Ägypten ein bisschen zu hochnäsig, nachdem uns tagelang live von von der immer grösser werdenden Eskalation in Kairo auf allen Kanälen berichtet wurde. Immerhin versuchte der Ex-Präsident Mursi dort am Nil nicht etwa, eine tolerante und weltoffene Demokratie aufzubauen, sondern sein Ziel war ein islamistischer Gottesstaat mit einer Rechtsordnung nach der Scharia. Sollte unsere Toleranz wirklich so weit gehen, nun auch noch zu bedauern, dass dieser Zukunftsentwurf für Ägypten nun (fürs Erste) gescheitert ist?

Für die Minderheit der Christen in Ägypten jedenfalls, die in den letzten Monaten immer stärker werdenden Repressionen ausgesetzt waren, dürfte die Antwort ziemlich klar sein. Und sie werden sich sicherlich wie viele andere Ägypter wundern über die allzu schrill-kritischen Töne aus dem Westen.

Photo: www.pixelio.de