Der eigene Weg mit Gott (Johannes im 15. Kapitel, Vers 1-8)

Posted on 26. April 2015

0


© Rike  / pixelio.de

© Rike / pixelio.de

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Ich habe mich in dieser Woche von einer grossen Last befreit; vor einiger Zeit übernahm ich eine Reihe von Ehrenämtern im Kirchenkreis Hildesheimer Land – Alfeld. Ich hatte dabei die Hoffnung, dort etwas bewirken, verändern, gestalten zu können. Doch ich musste leider feststellen, dass meine eigenen Erwartungen und die Erwartungen der dortigen Meinungsführer an mich nicht übereinstimmten: was man sich von mir versprochen hatte, konnte und wollte ich nicht erfüllen, was ich hätte einbringen können, war nicht erwünscht und stiess auf Unverständnis, ja sogar auf offene persönliche Ablehnung.

Deswegen habe ich mich gefragt: soll ich das trotzdem weiter durchziehen – notfalls gegen meine eigenen Überzeugungen und nur, um fremde Erwartungen zu erfüllen?

Es tat immer mehr weh: diese frustrierenden Sitzungen, der endlose Papierkram, die oft wenig zielgerichteten Diskussionen, die persönlichen Anfeindungen, die Ohnmacht gegen den dortigen Mainstream. Es war keine Bereicherung mehr, sondern nur noch Belastung für mich.

Und dann, am letzten Dienstag beim meinem morgendlichen Lauf, als mir die aufgehende Sonne den Körper und Geist wärmte, da traf eine Entscheidung: einfach den ganzen Ballast abwerfen und das tun, was mir gut tut: diese ganzen nur noch belastenden Ämter beenden. Motto: Ich bin dann mal weg!

Und nachdem ich meine Kündigung weggeschickt hatte, spürte ich eine innere Befreiung, es fühlte sich genau richtig an; und zusätzlich hatte ich wieder Spaß auf Kirche, zB. auf diesen Gottesdienst; mit Freude habe ich ihn vorbereitet – und als ich dann das Evangelium für diesen Sonntag als Predigttext gelesen habe, da musste ich doch ein bisschen schmunzeln, denn mein ganz persönliche Entscheidung passt zu seinem Thema: dem eigenen Weg mit Gott.

Einige Menschen, die genau diesen, ihren eigenen Weg zu Gott gesucht und gefunden haben, will ich ihnen deswegen jetzt vorstellen:

Da ist David! David ist inzwischen 20 Jahre alt. Aufgewachsen auf einem Dorf hier in der Nähe, behütet und sicher. In einer „Friede, Freude, Eierkuchen“- Familie könnte man sagen. Klavierunterricht, Fußballtraining, viele Freunde und ein liebevolles Zuhause. Seinem Vater, einem niedergelassenen Allgemeinmediziner, war schon früh klar, dass David seine Praxis nach erfolgreichem Medizinstudium übernehmen würde. Nur: Er hatte nie mit David über seine Pläne gesprochen. Und dann, nach einem freiwilligen sozialen Jahr in einer Wohngruppe für Menschen mit geistigen Behinderungen (natürlich anrechenbar auf das Medizinstudium, da hatte sein Vater drauf geachtet) entschied sich David dafür, Sonderpädagogik zu studieren. Er hatte gemerkt, dass ihn die Arbeit und das Teilen des Alltags mit Behinderten große Freude macht und er hier seine Berufung finden kann.

„Aber David, überleg mal, was du für eine Chance verpasst dich ins gemachte Nest zu setzen“. „Die Patientenkartei von Papa wäre der ideale Einstieg für dich“. „Denk doch auch einmal an uns, für uns würde das einen großen Wunsch wahr machen“. „Und ehrenamtlich kannst du dich immer noch für Behinderte engagieren“.

David hat sich nicht beirren lassen; heute studiert er Sonderpädagogik und verdient sich einige Euros durch einen Job bei der Lebenshilfe dazu. Und er ist glücklich damit.

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner, so haben wir im heutigen Evangelium gehört.

Da ist Lara. Lara ist noch etwas jünger als David. Als sie am Ende der 4. Klasse keine Empfehlung für‘s Gymnasium bekam, brach für ihre Eltern eine Welt zusammen. Der Vater, ein junger ambitionierter Ingenieur bei einem grossen Automobilkonzern und die Mutter, eine studierte Physikerin mit einem Lehrauftrag an der Universität, beide neben der Kindererziehung auf der Karriereleiter in Hannover unterwegs und umgeben von gut situierten Freunden mit standesgemässen „Premium-Kindern“, verstanden vor allem eines nicht: Was hatten sie bloss falsch gemacht? Lara hatte doch alle Förderung bekommen, die sich ein Kind nur wünschen kann; „und an den Genen, nein, an denen konnte es nun wirklich nicht liegen.“

Als Lara nun auf die Realschule ging, erzählten die Eltern in der ersten Zeit ihren Bekannten und Kollegen mit den Superkindern, die ihre ganze Freizeit in hochbezahlten Nachhilfegruppen verbringen mussten, um den Anschluss auf dem Weg zum Abitur nicht zu verlieren, nicht mehr so viel von ihrem „Sonnenschein“. Unbewusst schämten sie sich. Nur für wen? Für Lara oder für sich selbst?

Aber Lara macht jetzt ihren Weg. Sie hat nach der ihrer mittleren Reife und einem erfolgreichen Praktikum eine Ausbildung als Modenäherin in einem bekannten Modestudio begonnen und wohnt in einer netten Studenten-WG in Düsseldorf. Sie hat Frieden mit ihrem ganz eigenen Lebensweg geschlossen – und ihre Eltern erzählen wieder mehr von ihr, nicht zuletzt deswegen, weil auch bei den anderen Premium-Kindern nicht alles mehr so glänzend daherkommt, wie es deren Eltern immer erhofft haben.

Bleibt in mir und ich in euch, so haben wir gehört.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. „Die meisten Türken wollen sich doch gar nicht integrieren“. „Erstmal sollen die Deutsch lernen, und dann können wir weiterreden“. Ali hat es manchmal so satt. Hat es denn nicht inzwischen genug Talkshows und Gesprächsforen gegeben, in denen Thilo Sarrazin, Horst Seehofer und andere vermeintliche Experten für Integration Pauschalurteile über ihn, seine Eltern und viele seiner Freunde abgegeben haben? Türken in Deutschland seien nur schwer integrationsfähig. Quatsch, Ali kennt genug Gegenbeispiele, und dabei meint er nicht mal den Nationalspieler Mesut Özil. In der offenen Sprechstunde in der Arbeitsstelle für Migration und Integration in Hildesheim, die Ali seit Jahren erfolgreich leitet, hat er viele Jugendliche und Erwachsene kennengelernt, die akzentfreier Deutsch sprechen als der hochbezahlte Vorzeigeprofi. Und es freut Ali, wenn er sieht, dass viele seiner Klienten gut ausgebildet sind und sich als Deutsche fühlen, egal, ob sie sich nun als Deutschtürken oder Türkendeutsche sehen. Umso mehr ärgert es ihn, dass die Öffentlichkeit und vor allem die Politik so einseitig über etwas berichten und diskutieren, von dem er viel mehr Ahnung hat. Und in der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, kann Ali ein klare Antwort geben: „Natürlich gehört die Religion des Islams zu Deutschland – als Bereicherung und nicht als Last.“. Für Ali ist das jedenfalls eine Selbstverständlichkeit.

Ali hat zwei Kinder, Für die hofft er auf eine Zukunft in Deutschland, in der der Faktor Migrationshintergrund als Zeichen für die wunderbare Vielfalt der Gesellschaft gesehen wird und nicht als Manko.

Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, so steht es im heutigen Evangelium.

David, Sonderpädagogikstudent, Lara, Auszubildende zur Modenäherin und Ali, Leiter der Arbeitsstelle Migration und Integration sind Menschen, die wir so oder so ähnlich kennen. Wir wissen selbst, wie es ist, wenn fremde Erwartungen uns unter Druck setzen. Bei David und Lara waren es vor allem die Erwartungen der Familie, bei Ali die Haltung der Gesellschaft – und bei mir die Erwartung der Etablierten in Kirche, wie sich ein guter Kirchenfunktionär so zu verhalten hat.

Jeder von uns kennt diese Punkte im Leben, an denen klar wird: Hier soll ich etwas tun, hier soll ich etwas sein, was ich nicht will und was ich nicht bin! Aber die Menschen, von denen ich gerade berichtet habe, verweigern sich dem, und dabei teilen sie eine Haltung: Gegen die Meinung von Familie und Freunden, Öffentlichkeit und Gesellschaft sehen sie ihre Zukunft da, wo sie nicht von ihnen erwartet wird. Ohne David, Lara und Ali zu viel unterstellen zu wollen, sehe ich hier Gottes Willen am Werk. Denn wir sind dazu bestimmt, uns zu entfalten und wir glauben an einen Gott, dem wichtig ist, was wir in unserem Leben für Ziele haben.

Deswegen steht im Evangelium: Ihr seid schon rein um des Wortes willen, dass ich zu euch geredet habe.

Jesus von Nazareth selbst hat gegen die an ihn gerichteten Erwartungen gehandelt. Als frommer Jude suchte er Kontakt zu reichen Zöllnern, Heiden, Ausländern, er schützte eine Ehebrecherin und legte die geltenden Religionsgesetze neu aus. Wider aller Erwartungen und Hoffnungen auf ihn als sozial-politischen Revoluzzer ließ er zu, den Tod eines Kapitalverbrechers, eines Mörders zu sterben.

Sein Lebensweg war alles andere als glamourös, er hat keine Auslandspraktika gemacht oder Jura studiert, er war weder Mitglied eines Golfclubs noch Gast bei Anne Will. Und als Kirchenfunktionär in Gremiensitzungen kann ich ihn mir auch nicht wirklich vorstellen.

Aber er war eines: er war frei. Er lebte in Freiheit und zu jeder Zeit im Reinen mit sich selbst, mit den Menschen, die ihn umgaben und mit Gott. Und dieses im Einklang mit sich, anderen und Gott zu leben bedeutete damals wie heute: Wenn es sein muss Erwartungen enttäuschen, gegen Widerstände angehen  – aber auch einsehen, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen, wenn die Last zu gross wird und sie weh tut.

Denn so sehr die Geschichte Jesu ein Beispiel für ein gelungenes, unangepasstes Leben aus dem Glauben heraus ist, so sehr teilt Jesus auch unsere Erfahrungen der Ohnmacht, Ausweglosigkeit, Einsamkeit, ja sogar der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser verzweifelte Ausruf kurz vor seinem Tod am Kreuz zeigt: Genau wie wir kennt Jesus die Erfahrung, wenn das Leben zur Sackgasse wird. Auch er fühlte sich weggeworfen.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen, wie eine Rebe und verdorrt, spricht die Schrift zu uns.

Wir können nicht in jeder Phase des Lebens gegen Widerstände ankämpfen. Manchmal reicht die Kraft nicht mehr und es ist besser sich zu fügen.

Tatsächlich gibt es Grenzen: ich glaube, dass David heute nicht glücklich wäre, hätte er Medizin studiert. Lara wäre wahrscheinlich wie so viele zur Schulkarriere gezwungene und durch die Nachhilfe gepeitschte Kinder auf dem Gymnasium schlicht überfordert gewesen und hätte ihre Schulzeit nicht genießen können. Für Ali wäre es einfach zu sagen: „Ich höre auf mich für Integration zu engagieren, sollen die Deutschen doch selbst gucken, wo sie mit uns Türken bleiben.“ Aber er macht trotzdem weiter.

Viele Menschen verstehen sicherlich viel besser als ich, wie es ist in Jesus zu bleiben und so sein Leben in Freiheit zu leben. Doch seit einigen Jahren weiss auch ich bei wichtigen Entscheidungen meines Lebens, dass es neben der Unterstützung von Menschen, die mir wichtig sind, auch eine andere Quelle gibt, die vor allem will, dass ich meinen Weg finde, ihn gehe und darin meine Herausforderungen, meine Zufriedenheit und mein Glück finde. Ich habe das gerade wieder erlebt, früh am Morgen irgendwo auf einem Feldweg. Und dafür danke ich meinem Gott und seinem Sohn!

Ich wünsche uns allen den Mut, auf unsere innere Stimme zu vertrauen!

Ich wünsche uns allen die Kraft, Zeiten, die Veränderungen mit sich bringen durchzuhalten.

Ich wünsche uns allen die Sensibilität für die Quelle des Lebens, für Gott, der will, dass wir uns in unserem Leben entfalten.

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

Ihr seid schon rein, um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Die von mir bearbeitete und ergänzte Originalpredigt finden Sie hier:

http://www.predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/predigt-ueber-johannes-151-8.html