Die Pegida-Keule oder wenn ein Gemeindebrief für die eigenen Zwecke herhalten muss

Posted on 19. Juni 2015

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© Stefanie Bernecker - Pfintal  / pixelio.de

© Stefanie Bernecker – Pfintal / pixelio.de

So ein Gemeindebrief in einer kirchlichen (in meinem Fall evangelischen) Gemeinde hat ja eine Reihe von Aufgaben. Die evangelische Kirchengemeinde Balingen hat sie sehr schön zusammen gefasst:

„Der Gemeindebrief ist für alle Kirchenmitglieder und evangelischen Haushalte da, unabhängig vom Grad ihrer Beteiligung am kirchlichen Leben.

Die Aufgabe des Gemeindebriefes ist es, journalistisch sorgfältig Informationen regelmäßig weiterzugeben, Rechenschaft über die gemeindliche Arbeit zu geben, christliche Orientierung anzubieten und die Kommunikation aller Kirchenmitglieder untereinander und mit ihrer Kirchengemeinde anzuregen und zu fördern.

Der Gemeindebrief ist das Kommunikationsmittel der Gemeinde mit der größten Reichweite und ist zugleich Visitenkarte. Der Gemeindebrief lädt ein und wirbt um Vertrauen und Verständnis für die Kirchengemeinde. Er ist die weitreichendste Verbindung zwischen Gemeinde und Kirchenmitglied.“

(Klick)

Ob es mit diesen Zielen eines Gemeindebriefs vereinbar ist, wenn Hauptamtliche dort ihre persönlichen Polemiken gegen andere kritische Gemeindemitglieder führen? Ich finde, man kann das kritisch sehen. Aber anscheinend sind selbst in der evangelischen Kirche die Zeiten noch nicht überall vorbei, in denen sachliche Kritik schon zu viel des „Bösen“ ist und dementsprechend öffentlich abgestraft werden muss – oder anders ausgedrückt, auch an der einen oder anderen Stelle scheint man weiterhin dem überholten Denken verhaftet zu sein, dass sachliche Opposition nur als persönlicher Angriff verstanden werden kann und Minderheitsmeinungen nicht als Teil einer demokratischen Kultur akzeptiert werden, sondern als „Störung des Systems“.

Genau so ein Beispiel für ein „Denken nach alter Sitte“ findet sich im neuesten Gemeindebrief meiner Heimatgemeinde. Der mit einer 1/4-Stelle in der Gemeinde tätige Superintendent des Kirchenkreises Hildesheimer Land – Alfeld, Herr Christian Castel, meldet sich dort gleich 2x zu Wort, um sich in verschiedener Form mit der Kritik am Kirchenkreis, mit seiner Arbeit dort und mit der Kritik an Kirche an sich zu beschäftigen – wobei, eigentlich beschäftigt er sich nicht so sehr mit der Kritik an sich, sondern eher mit den Kritikern.

Eine der Passagen ist dabei noch in einem durchaus sachlichen Ton gehalten: angesprochen, was er sich für die Zukunft wünscht, schreibt er:

“ (…) Die gegenüber dem Kirchenkreis entstandene Skepsis finde ich bedauerlich, weil sie Vertrauen untergräbt und dem Zusammenhalt in den Gremien nicht gut tut. Eine grössere Identifikation mit dem Kirchenkreis als Solidargemeinschaft wäre hier wünschenswert.“

Tatsächlich hat sich eine solche Skepsis an verschiedenen Stellen breit gemacht, und sie macht sich fest an ganz unterschiedlichen Dingen, die ich hier tatsächlich nur exemplarisch aufzähle, um nicht den Rahmen zu sprengen: eine immer grössere Verwaltungsorganisation ist aufgebaut worden und verursacht immer höhere Kosten zu Lasten der Solidargemeinschaft der Kirchengemeinden, ein neues Buchhaltungssystem ist auf Initiative des ehemaligen Kirchenamtsleiters eingeführt worden, welches aufgrund mehr als heftiger Geburtswehen bis zum heutigen Tag letztendlich keine belastbaren Ergebnisse produziert und massive Verunsicherung auch und gerade in den Kirchengemeinden auslöst, die Rücklagenbildung ausserhalb der Kirchengemeinden erfolgt für viele ohne klare Transparenz – und wirklich, damit sind nur einige der Punkte benannt, die zu einer wachsenden Skepsis gegenüber dem Kirchenkreis und den dort handelnden Personen geführt haben.

Und wenn man es genau betrachtet, so sind dies Punkte, die eine offene, transparente und „auf Augenhöhe“ zu führende Diskussion um Sachfragen verlangen würden – aber leider teilen sich die Auffassungen, ob eine solche sachliche, offene und ausgewogene Diskussion tatsächlich möglich und gewünscht ist. Doch ist dieser Streit um die Aufarbeitung und die Bearbeitung der Kritikpunkte gar nicht Thema des oben zitierten Zitats, denn die Gründe für die entstandene Skepsis werden ja nicht benannt. Nein, im Gegenteil, diese Skepsis wird nicht als Folge der kritisch zu betrachtenden Entwicklungen im Aufgabenbereich des Herrn Superintendenten Christian Castel gesehen, sondern die Skepsis an sich – sozusagen aus dem Nicht hervorgegangen – wird als Ursache für weitere Folgen benannt.

Schon verwunderlich: jemand in einer Führungsposition fühlt die Skepsis gegenüber seiner Arbeit und gegenüber der Arbeit der Gremien, für die er die Verantwortung trägt, aber er nimmt dies nicht etwa als Ansporn, sie zu überwinden – oder wenigstens zu suchen nach ihrer Ursache -, sondern er bedauert sie lediglich, als habe sie keinerlei inhaltlichen Bezug. Und dabei sollte er doch in einer demokratisch verfassten Kirche diese Skepsis gegenüber Organisationen nicht als ein Untergraben des Vertrauens, sondern als legitime Auseinandersetzung mit diesen Organisationen angenommen werden. Und die für diese demokratisch verfasste Kirche stehenden Personen wie ein Superintendent sollten fehlenden Zusammenhalt nicht gleich setzen mit kritischer Begleitung von suboptimal verlaufenden Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen.

Die von Herrn Superintendent Christian Castel eingeforderte Solidarität verlangt jedenfalls auch Transparenz, Partizipationsmöglichkeit und den Mut derjenigen, die sich im Besitz der richtigen Lösungsansätze wähnen, sich auch mit anderen Meinungen sowohl inhaltlich als auch wertschätzend auseinander zu setzen.

Man kann natürlich die entstandene Skepsis bedauern, aber deren Gründe einfach ausblenden und sie dann für Alles Negative verantwortlich machen… damit wird man nach meiner persönlichen Einschätzung seiner Führungsrolle nicht gerecht und greift in seiner Argumentation wesentlich zu kurz.

Allerdings äussert sich Herr Superintendent Christian Castel an anderer – und wesentlich herausgehobener Stelle – noch einmal ganz anders, denn im Vorwort des Gemeindebriefs rückt er seine internen Kritiker in eine ganz absonderliche Ecke:

Zunächst beklagt er sich über Entsolidarisierungstendenzen allgemein:

„(…) In vielen Bereichen unserer Gesellschaft lassen sich solche Entsolidarisierungstendenzen beobachten: auf Pegida-Demonstrationen, im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften oder (besonders beschämend) auf dem Mittelmeer. Angst ist zu spüren – die Angst, etwas abgeben zu müssen.“

So weit, so nachvollziehbar, wenn auch wieder sehr verkürzend in der Argumentation und durchaus nahe an einer sonntagsredenhaften Plattitüde, denn man kann sich schon die Frage stellen, wo in einer solchen Argumentation die überwältigenden Gegendemonstrationen an vielen Orten Deutschlands und getragen von vielen Gruppen dieser Gesellschaft (auch der evangelischen Kirche) wahrgenommen werden, die letztendlich die Pegida-Bewegung in rasanter Geschwindigkeit wieder in die Bedeutungslosigkeit befördert haben, und wo da zB. die vielfältigen Hilfsangebote für Flüchtlinge bleiben, die nicht zuletzt und gerade auch hier vor Ort von Ehrenamtlichen der (evangelischen) Kirche getragen werden (nicht nur, aber eben auch).

Eine sehr grosse Anzahl von sogenannten „einfachen“ Menschen in diesem Land sind jedenfalls in ihrer Solidarität schon wesentlich weiter als Politiker und kirchliche Würdenträger, nur wird über deren Tätigkeit nicht angemessen in den Medien berichtet, und Thema der Politikerstatements und anderer Sonntagsreden sind sie auch nicht. Vielleicht herrscht ja immer noch der (Aber-)Glaube, dass es wesentlich wirkungsvoller für die eigenen Interessen ist, wenn man den Menschen ein schlechtes gewissen macht, als wenn man sie lobt für ihren Einsatz.

Aber jemand in verantwortlicher Position wie ein Superintendent sollte schon eher ein wenig selbstkritisch den Blick darauf werfen, welche eigenen konkreten Maßnahmen er denn unternimmt und in seinen Gremien anstösst, um den beklagten Tendenzen entgegen zu wirken, oder ganz konkret, welche Massnahmen nicht zuletzt in praktischer und finanzieller Hinsicht in seinem Verantwortungsbereich unternommen worden sind, um Flüchtlingen zu helfen. Wie sehr haben sich denn weltliche und kirchliche „Würdenträger“ tatsächlich in zu einem bestimmten Zeitpunkt akute Diskussionen mit Pegida-Sympathisanten begeben, welche Massnahmen sind denn „von Amts wegen“ für Flüchtlinge ergriffen worden? Und wie sieht denn das Verhältnis der Hilfe für Bedürftige tatsächlich aus, und zwar insbesondere im Verhältnis zu dem Verwaltungsaufwand, der in einem Kirchenkreis ansonsten so betrieben wird? Vielleicht sollte man Vertrauen nicht nur einfordern, sondern selbst schaffen, vielleicht sollte man Solidarität nicht nur für sich selbst beanspruchen, sondern auch Anderen gewähren.

Sicherlich, ich kann diese höchst komplexe Materie hier nur kurz anreissen und so wirken mein Auffassungen durchaus provokant, aber ich denke, man muss diese Fragen schon stellen, weil Herr Superintendent Christian Castel im nächsten Absatz seinen Vorworts in einem Gemeindebrief die von ihm gewählten und bewusst sehr emotional berührenden Beispiele der Entsolidarisierung dazu intrumentalisiert, mit seinen Kritikern innerhalb der Kirche ins moralische Gericht zu gehen:

„(…) Diese Stimmungslage hat auch vor Kirche nicht haltgemacht. Das allgemeine Pegida-Credo: „Denen da oben ist nicht zutrauen! Jede Institution ist von vornherein verdächtig und muss ständig überprüft und überwacht werden, damit wir nicht zu kurz kommen“, treffen wir auch im kirchlichen Bereich an – eine schleichende Form der Entsolidarisierung.“

Da muss man erst einmal innehalten und nachdenken, was hier gerade passiert. Hier wird also eine vermeintliche Entsolidarisierung der Gesellschaft mit Opfern von Krieg und Zerstörung, hier werden also Flüchtlingsschicksale und deren unangemessene Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gleich gesetzt mit der Kritik an Entscheidungen, die in einer wohl ausgestatteten, reichen Kirche in einem freien und demokratischen Land gefällt werden? Bösartige Zungen würden da durchaus von der Instrumentalisierung des Leidens für eigene Interessen sprechen, gutmeinende Personen würden diesen Bogenschlag zumindest für unglücklich halten.

Und selbst ohne diese Verknüpfung, reduzieren wir die Aussage auf das angebliche „Pegida-Credo“: schon diese Einleitung ist falsch. denn die eingeforderte, aber wohl vom Autor der Zeilen eher als unangenehm empfundene Überprüfung und Überwachung von Organisationen (speziell der von ihm verantwortlich geleiteten) ist mitnichten ein „Pegida-Credo“, sondern die dahinter stehende Grundentscheidung bildet einen überaus wichtigen Grundpfeiler unseres demokratischen Systems – nämlich die Überprüfung der Handelnden zur Verhinderung von Fehlentwicklungen.

Auf allen Ebenen und überall auf der Welt kämpften und kämpfen (auch christlich motivierte und kirchlich organisierte) Demokraten gerade um dieses Recht, staatliche, aber auch mit massiver Macht versehene private und eben kirchliche Organisationen zu überprüfen und zu überwachen.

Überprüfung und Überwachung sind grundlegende Prinzipien unseres Staatssystems – ein Staatssystem, was uns allen Wohlstand, Freiheit und (auch religiöse) Freizügigkeit beschert hat und bis heute garantiert. Es hat doch nichts mit dem beschämenden Gedankengut einer Pegida-Bewegung zu tun, wenn man von einer Organisation auch und gerade im kirchlichen Bereich Transparenz der Entscheidungsprozesse, Wahrnehmung von Opposition und Rechtfertigung von Mittelverwendung verlangt. Dies hat definitiv nichts mit fehlendem Vertrauen zu tun, sondern mit dem vielleicht platt, aber nun einmal im politischen und gesellschaftlichen Umfeld dringend benötigten „Credo“ zu tun, dass Vertrauen gut, aber Prüfung besser ist.

Aber damit nicht genug: Kritiker in die Nähe des Gedankenguts der Pegida-Bewegung zu stellen – und dies noch dazu mit einem vorangestellten Vergleich in Bezug auf das Leid von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer – ist das Eine, dann aber auch noch eine Entsolidarisierung als Folge der Überprüfung und Überwachung von staatlichen und/oder kirchlichen Organisationen auszumachen, dies zeigt dann schon ganz erhebliche Verständnisdefizite in Bezug auf die Spielregeln, die eine Demokratie – und eben auch demokratisch verfasste Kirche – einzuhalten haben. Denn Grundlage einer funktionierenden Demokratie (auch im kirchlichen Bereich) ist die Akzeptanz, dass nicht jede Entscheidung der Leitungsgremien automatisch auch den Willen derjenigen wiedergibt, die sich diesen Entscheidungen zu unterwerfen haben – und ist auch die Akzeptanz, dass Entscheidungen zu rechtfertigen sind, transparent in Entstehung und Ergebnis sein müssen und einer sachlichen Prüfung nicht ausweichen dürfen.

Aber kann man solche Akzeptanz wahrnehmen, wenn Kritik an (vermeintlichen) kirchlichen Fehlentwicklungen reduziert wird auf eine angebliche Angst des persönlichen Verlustes und des pathologisches Misstrauens? Wohl kaum!

Am Ende meiner Gedanken zu diesen Thesen des Herrn Superintendenten Christian Castel kann ich für mich jedenfalls feststellen, dass diese wohl als Abrechnung mit Kritikern gedachten Worte doch eher verräterisch sind: sachliche Kritik, Opposition gegen Mehrheitsmeinungen, Einforderung von Transparenz der Entscheidungsprozesse und sachliche Benennung und verantwortliche Aufarbeitung  von Fehlentwicklungen mit dem Ziel einer positiven Veränderung scheinen in dem einen oder anderen kirchlichen Gremium doch eher unerwünscht. Ich für meinen Teil finde das bedauerlich, zumal eine solche in alter hierarchischer Struktur verhaftete Haltung eher hinderlich sein dürfte, um Ehrenamtliche für eine Arbeit in Kirche zu begeistern – oder gar Kirchenferne wieder näher zurück zu bringen an die Institution selber.

Vielleicht ist Kirche in Deutschland längst nicht mehr staatstragend, und vielleicht bedauern dies immer weniger Menschen, wenn ihr Einfluss noch weiter abnimmt. Aber wenn dies kein unumkehrbarer Prozess sein soll, dann sollten sich namhafte Vertreter jedenfalls der demokratisch verfassten Kirche schon mit einer Aussage beschäftigen:

„Demokratie bedeutet gleiche Zugangsmöglichkeiten zu politischen Entscheidungen und setzt den gleichen und freien Zugang zu den entscheidungsrelevanten Informationen voraus. Die demokratische Staatsform wird nur als eine nicht-korrupte Demokratie überleben. Dazu müssen ihre Grundlagen – Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit – für den Einzelnen erfahrbar bleiben.“

(Klick)

Nichts Anderes gilt für die evangelische Kirche.

Bild: Pixelio