Was macht eine Gemeinde aus? Predigt über Lukas 5,1-11

Posted on 5. Juli 2015

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© Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de

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Lukas 5,1-11

Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren.

Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

können böse Menschen einer guten Sache dienen? Kann einer mit schmutzigen Händen beschließen, im Operationssaal sich nützlich zu machen? Kann einer, der die besten Jahre verbummelt hat, sagen: ,,Fortan werde ich der Jugend mit meiner Weisheit dienen“? Können zerschlagene Lampen leuchten? Können Belastete tragen? Können Schuldige zurecht helfen? Gefangene andere Menschen befreien? Unzulängliche Vollkommenes tun? Geht das?

Es geht. Gerade haben wir gehört, wie Jesus den Petrus in den Dienst nimmt. Petrus sagt: ,,Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Denn nach seinem wunderbaren Fischzug erkennt Petrus, wer er ist und wer Jesus ist – und wie unendlich groß der Abstand zwischen ihnen ist. Aber Jesus sagt zu ihm: ,,Von nun an wirst du Menschen fangen!“

Und da geschieht es! Wenn Christus das nicht tun würde, daß er Schuldige, Unzulängliche, Unsaubere nimmt, dann säße niemand von uns heute oder morgen hier, Sie nicht und ich schon gar nicht. Christus holt Menschen, wenn es sein muss – und es muss sein! – aus dem Elend. Oder auch (was übrigens viel schwieriger ist) aus ihrer ehrbaren Selbstzufriedenheit.

Und so sollten sich Kirchenleitungen und Gemeinden diese Geschichte sehr zu Herzen nehmen! Denn die gern verbreitete Ansicht, dass vor allem Rechtschaffene, Ehrbare und Bürgerliche berufen sind zur Gemeinde und ihrer Arbeit, macht die Botschaft von der Vergebung der Sünden unglaubhaft. Und man ist auch nicht rechtschaffener und ehrbarer, nur, weil man bei Kirche beruflich tätig ist oder ehrenamtlich mitarbeitet.

Auf der anderen Seite: genauso wenig wie Petrus braucht sich irgendjemand von uns mit Selbstzweifeln plagen, er sei es nicht wert, zur Gemeinde dazuzugehören, egal, was ihm so an der einen oder anderen Stelle erzählt wird. Wir sind heute morgen hier, weil wir alle miteinander begnadigte Sünder sind, die Jesus ruft, ihm nachzufolgen – und so sitzen wir mit Petrus, Jakobus und Johannes in einem Boot.

Nehmen wir dies Fischerboot einmal als Bild für unsere Gemeinden, und  beziehen wir den Auftrag Jesu auch auf uns: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ oder, wenn man es genau aus dem Griechischen übersetzt: „Von nun an wirst du Menschen lebendig fangen.“

Mit diesem Bild aus seinem alten Beruf macht Jesus dem Petrus klar, was nun seine neue Aufgabe ist: Menschen für Jesus einfangen, Menschen für das Reich Gottes gewinnen. Doch dieses Eingefangenwerden für Jesus soll für die Menschen dann nicht der Tod sein wie für die Fische, sondern der Beginn eines neuen Lebens! Der Beginn eines Lebens, das eine ganz neue Qualität gewinnt durch die Gewissheit, von Gottes Liebe und Zuwendung getragen zu sein.

Sehr viele Fische gehen in dieser Geschichte ins Netz – so viele, dass beide Schiffe davon voll werden und zu sinken drohen. Und bei den Fischen, die Petrus, Jakobus und Johannes gefangen haben, waren mit Sicherheit große und kleine Fische dabei. Auch das lässt sich gut auf Jesu Auftrag zum Menschenfischen übertragen: Große und Kleine, Junge und Alte sollen für seine Gemeinde gewonnen werden. Und deswegen machen wir es als Gemeindeverband richtig, wenn wir heute parallel zum Gottesdienst hier vor Ort noch weitere Gottesdienste in den anderen Gemeinden leisten, wenn wir Kindergottesdienste feiern, Andachten anbieten, uns in Gruppen und Kreisen zusammenfinden und immer wieder andere ansprechen, daran teilzunehmen.

Für Kinder und Erwachsene, für Alte und Junge, für Inländer und Ausländer, für Gesunde und Kranke soll die Gemeinde ein Ort sein, an dem sie erfahren können, wie sehr Gott sie liebt und wie er sie in Jesus mit seiner Gnade und Vergebung beschenkt. Da sind die Menschenfischer Petrus, Jakobus und Johannes für uns ein gutes Vorbild.

Und auch in anderer Hinsicht können wir uns als Gemeinde gut in den dreien wiederfinden: Wir erfahren, dass sie die ganze Nacht zuvor die Netze ausgeworfen haben, ohne auch nur einen einzigen Fisch zu fangen. Müde, resigniert und verzweifelt, weil man sich nach Kräften abgemüht hat, aber alles vergeblich war – sicher kennen viele von uns dieses Gefühl nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Doch obwohl Petrus mit seinen Gefährten eine harte Nacht hinter sich hat, nimmt er Jesus mit ins Boot. Er stellt ihm sein Schiff als schwimmende Kanzel zur Verfügung und hört sich die Predigt von Jesus an.

Und als Petrus, Jakobus und Johannes dann auf Jesu Geheiß hin noch einmal auf den See hinausfahren, erleben sie nach der deprimierenden Erfahrung der letzten Nacht ein großes Wunder und werden von Gott reich beschenkt.

Dabei konnte Jesu Aufforderung widersinniger gar nicht sein. Unsere professionellen Fischer wussten wahrscheinlich nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, als Jesus sagte, sie sollten mitten am Tag ausfahren und auch noch dahin, wo das Wasser tief ist. Weiß doch jedes Kind am See, dass sich die Fische in der Mittagshitze in die tieferen Wasserschichten zurückziehen, wo sie kaum zu kriegen sind. Nur in der kühlen Nacht kommen sie an die Oberfläche – und selbst da haben unsere drei nichts gefangen. Aber besonders Petrus hat Vertrauen zu Jesus gefasst. Jesus muss eine ganz besondere Ausstrahlung gehabt haben, die auf Petrus einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.

Und so sagt er zu Jesus, obwohl es all seiner Berufserfahrung widerspricht: „… auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Und wenn Petrus damit im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Erfahrungen gemacht hat, dann können wir es auch trotz mancher frustrierender Erfahrungen wagen, auf Jesu Geheiß hin wieder und wieder die Netze auszuwerfen. Gerade da, wo es nach menschlichem Ermessen völlig widersinnig erscheint, da fängt Gott an zu wirken. Da zeigt sich der Segen, wenn Menschen auf die Worte von Jesus hören und sich von ihm zur Tat anleiten lassen.

Und die Arbeit beim Fischen geht viel leichter, wenn alle mit anpacken. Petrus hat Gefährten, die ihm helfen, die vollen Netze ins Boot zu ziehen, Jakobus und Johannes. Und auch unser Gemeindeleben kann nur gelingen, wenn viele Mitarbeiter da sind, die mithelfen, an den Netzen zu ziehen.

Wenn wir Petrus als den späteren Leiter der Gemeinde als Vorbild für den Pastor sehen, dann sagt uns unsere Geschichte: Gemeinde kann nicht lebendig sein, wenn alle nur zusehen, wie der Pastor sich abstrampelt oder Alles selbst in die Hand nimmt und alle Anderen ausschliesst. Eine Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, dass viele bereit sind, mit Hand anzulegen, dass viele zusammen respektvoll und wertschätzend miteinander arbeiten.

Christus nimmt unsere Arbeit an. Vom Fischerboot des Petrus aus predigt er zu den Menschen, damit alle ihn gut sehen und hören können auf der schwimmenden Kanzel. Es braucht nicht immer ein Fischerboot zu sein, das wir Jesus leihen können, es geht um die vielen Dienste, auch die ganz praktischen: Jemanden, der die Kirche putzt und die Nummern an der Liedtafel ansteckt. Mitarbeiter, die sich darum kümmern, dass schöne, frische Blumen auf dem Altar stehen oder dass die Menschen nach dem Gottesdienst eine Tasse Kaffee trinken können.

Und das sind nur vordergründig gesehen rein praktische Dienste. Das Anstecken der Liednummern macht es uns als Gemeinde möglich, gemeinsam Gott zu loben. Eine geputzte Kirche und schöne Blumen auf dem Altar tragen dazu bei, dass sich die Gottesdienst-Besucher in der Kirche wohlfühlen – so öffnen sie ihre Herzen für die frohe Botschaft von Jesus Christus. Und Mitarbeiter beim Kirchenkaffee schaffen die Atmosphäre, damit wir nach dem Gottesdienst noch ins Gespräch kommen und Gemeinschaft der Glaubenden hautnah erleben.

Deshalb sind auch solche praktischen Aufgaben ein geistlicher Dienst, für den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Segen Gottes und die doch oft nur sehr spärlich verteilte Wertschätzung der anderen Gemeindeglieder brauchen.

Seit der Geschichte von Jesus und die Fischern auf dem See sind viele Menschen dem Auftrag von Jesus gefolgt, Menschen für ihn zu fischen. Viele haben sich die Jahrhunderte hindurch in die Gemeinde Jesu rufen lassen, und eine große Zahl an Kirchen ist daraus entstanden. Dabei ging es nicht immer ohne Konflikte ab, und bis heute streiten sich Christen untereinander darüber, wer denn nun die wahre Kirche sei und wie die wahre Botschaft in Kirche gelebt wird. Dabei ist zunächst gar nichts gegen das Bestreben einzuwenden, möglichst treu dem Ruf Jesu zu folgen und bei der Gestaltung von Kirche und Gemeinde nach Kräften seinem Willen zu entsprechen.

Nur eines darf dabei nicht aus dem Blick geraten: Die Initiative geht nicht von uns aus. Nicht wir machen Kirche, sondern der, uns auffordert, für ihn die Netze auszuwerfen. Und alle, die das tun – in welcher Kirche auch immer – folgen damit dem Auftrag desselben Herrn Jesus Christus. Darin hat die Gemeinschaft der Kirchen ihren Grund, die wir Ökumene nennen. Und dort finden wir auch die Quelle dafür, dass wir – hier in unserem Verband – über unseren Kirchturm hinweg auf unsere Nachbargemeinden schauen.

Und so gibt uns der heutige Predigttext drei Anstöße für das Leben in unseren Gemeinden – und in unserem Gemeindeverband:

Gemeinde heißt: Alle sind berufen, Menschen für Jesus zu gewinnen.

Gemeinde heißt: Alle packen mit an.

Gemeinde heißt: Alle folgen demselben Herrn nach.

Amen.

Die Grundlage dieser Predigt finden Sie hier:

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