Hannover 96: Ist Mitbestimmung der Mitglieder noch möglich?

Posted on 14. März 2016

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© Stefan Scherer

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Eigentlich haben es die Mitglieder schon aufgegeben: die Profiabteilung von Hannover 96 ist wirtschaftlich längst aus dem Verein ausgegliedert und befindet sich im Besitz von Investoren, die man beschönigend als „Fangesellschafter“ bezeichnet, die aber wohl nach meiner Einschätzung eher an einem möglichst schnellen Rückfluss der von ihnen eingesetzten Gelder interessiert sein dürften als an dem fussballerischen Erfolg meiner „Alten Liebe“.

Doch nun schon endgültig zu resignieren und den Kampf um das rote Fussballboot aufzugeben, wäre falsch, denn noch verlangt die DFL von Hannover 96 im Rahmen der Regelung 50+1, dass der Verein den beherrschenden Einfluss auch über die Profiabteilung ausübt – und insoweit kommt es eben nicht unbedingt darauf an, wem das rote Boot inzwischen gehört, sondern wer es steuert bzw. wer den Fahrer aussucht…

Schauen wir uns also vor der nächsten Mitgliederversammlung am 26.April 2016 die noch bestehenden Verbindungen zwischen der Profiabteilung und dem Verein auf der einen Seite und diejenigen zu den Investoren auf der anderen Seite näher an – und erfahren, wie Vereinsmitglieder auch weiterhin Einfluss nehmen können.

Tatsächlich findet man die oben schon erwähnten angeblichen „Fan“investoren in einer Gesellschaft wieder, der „Hannover 96 Service & Sales GmbH &  Co. KG“, über die dann die Gesellschafter letztendlich auch 100% der Profiabteilung besitzen. Wer sich für die einzelnen Anteile der Gesellschafter interessiert, der findet hier eine Übersicht, so, wie sie sich für mich derzeit darstellen:

 

© Stefan Scherer

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Nun, diesen Gesellschaftern gehört also letztendlich über diese Gesellschaft die Profiabteilung, denn diese ist ja kein Teil des Vereins mehr, sondern befindet sich in einer weiteren Gesellschaft, der Hannover 96 GmbH & Co. KG aA (auf Aktien). Und diese wiederum gehört zu 100% der Hannover 96 Service & Sales GmbH & Co. KG und deren Gesellschaftern, womit sich der Kreis dann (unter Ausschluss des Vereins) auf der finanziellen Seite schliesst:

 

© Stefan Scherer

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Aber wie wird denn nun die Regelung 50+1 erfüllt, die die DFL ja weiterhin fordert, und die Hannover 96 ja auch weiterhin einhalten muss?

Letztendlich verlangt 50+1, dass der Verein die Kontrolle über die Profiabteilung weiterhin ausübt, auch wenn ihm die Profiabteilung nicht mehr gehört. Und diese überwiegende Kontrolle geschieht bei dem Konstrukt von Hannover 96  über eine weitere Gesellschaft, die zu 100% dem Verein gehört, die in der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA. Komplementärin ist und die damit dort die Geschäfte führt: die Hannover 96 Management GmbH. In einer grafischen Übersicht ergibt sich das so:

 

© Stefan Scherer

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Man sieht also: der Verein hält noch 100% der Anteile an der Management GmbH, die wiederum die Geschäfte der Profiabteilung führt, oder, um bei unserem Beispiel oben zu bleiben: das rote Fussballboot gehört zwar den Investoren, aber steuern tut es eine 100%ige Tochter des Vereins. So wird die Regelung 50 + 1, also die Beherrschung der ausgegliederten Profiabteilung durch den Verein, realisiert.

Doch wie können nun Vereinsmitglieder Einfluss auf die Profiabteilung nehmen, d.h., Einfluss auf diejenigen, die die Geschicke dort leiten? Nun, dies ist ein wenig komplizierter:

Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Geschäftsführer der Management GmbH – und damit eben auch diejenigen, die die Geschicke der Profiabteilung bestimmen – durch den Aufsichtsrat der Management GmbH gewählt werden. Und dieser aus vier Personen bestehende Aufsichtsrat wird bisher wie folgt bestimmt: 2 Aufsichtsräte stellt die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA, also letztendlich die Investoren, und zwei weitere stellt der Verein.* Diese beiden wurden bisher vom Vorstand des Vereins benannt, zukünftig soll dies aufgrund der geplanten Satzungsänderung der Aufsichtsrat des Vereins tun. Wir halten also fest: der Verein entsendet zukünftig über seinen Aufsichtsrat zwei Aufsichtsräte in die Management GmbH, die dann wiederum diejenigen bestimmen, die am Ende die Profiabteilung leiten. Grafisch kann man dies so verdeutlichen:

 

© Stefan Scherer

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Und wie kann ich als Mitglied nun Einfluss ausüben? Genau, in dem ich in der nächsten Mitgliederversammlung die richtigen Aufsichtsräte beim Verein wähle. Der Aufsichtsrat vom Verein Hannover 96 besteht nämlich aus 5 Personen, und genau diejenigen werden in der nächsten Mitgliederversammlung gewählt – und über genau diese Aufsichtsräte kann dann der Einfluss ausgeübt werden.

Grafisch dargestellt ist dies dann so:

 

© Stefan scherer

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Tatsächlich besteht keine direkte Verbindung zwischen dem Verein und der Profiabteilung. Aber auch in unserer politischen Demokratie haben die Bürger ja keinen direkten Einfluss auf konkrete Entscheidungen, deswegen müssen eben die richtigen Leute an die richtigen Positionen… und deswegen wählen die Vereinsmitglieder die Vereinsaufsichtsräte, diese bestimmen die Aufsichtsräte der Management GmbH (jedenfalls in Zukunft) und diese wiederum bestimmen und kontrollieren die Entscheidungsträger der Profiabteilung:

 

© Stefan Scherer

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Kompliziert, aber durchaus eine Regelung, die wir auch in unserer Demokratie so kennen, und die sich dort durchaus bewährt hat – jedenfalls immer dann, wenn die richtigen Köpfe auch tatsächlich gewählt werden.

Man sollte dabei immer bedenken: letztendlich ist es das Ziel der Investoren, ganz aus 50+1 auszusteigen, also den Verein und die Profiabteilung komplett zu trennen. Und deswegen ist es für den Verein so wichtig, weiterhin 2 Aufsichtsräte im Konstrukt der Profiabteilung zu behalten, die genau dies verhindern wollen – und dann hoffentlich auch können.

Und deswegen zum Schluss noch einmal der eindringliche Aufruf: kommt zur Mitgliederversammlung am 26.04.2016, und werdet vorher natürlich aktives oder passives Mitglied bei Hannover 96, denn nur dann dürft ihr dort die Aufsichtsräte auch wählen! Nur so besteht noch eine Chance, den beherrschenden Einfluss des Vereins auf die Profiabteilung zu erhalten.

Noch ein Hinweis zum Schluss: dies sind die Strukturen und Gesellschafterverhältnisse, so, wie ich sie aus den Veröffentlichungen und Handesregistereinträgen entnehmen konnte. Eine Gewähr kann ich dafür aber nicht übernehmen, da mir sehr viele interne Unterlagen schlicht und ergreifend nicht zugänglich sind. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang beispielhaft der sogenannte „Grundlagenvertrag“, den der Verein Hannover 96 mit den Investoren bzw. dessen Repräsentanten abgeschlossen haben soll, der aber nicht veröffentlicht und damit nicht öffentlich dokumentiert ist. Letztendlich wird es auch insoweit eine Aufgabe für die neuen Aufsichtsratsmitglieder sein, für deutlich mehr Transparenz zu sorgen!

* An dieser Stelle möchte ich – sozusagen ausserhalb der Klammer – noch auf eine interessante Frage hinweisen: nach aussen hin besitzt der Verein ja 100% Anteile an der Management GmbH; allerdings stellt er nur die Hälfte (und eben nicht 51%) der Aufsichtsräte, und wenn man dann bedenkt, dass auf der einen Seite der Aufsichtsrat die ungewöhnliche Zahl von vier Personen aufweist (und damit Stimmengleichheit bei Kampfabstimmungen vorprogrammiert ist), und auf der anderen Seite die Investoren (die ja eigentlich an den Entscheidungsprozessen nicht beteiligt sein sollen) ebenfalls die Hälfte (und nicht 49%) der Aufsichtsräte stellen, dann könnte man durchaus darüber nachdenken, ob 50+1 überhaupt noch beachtet wird. Aber dabei handelt es sich um ein sehr komplexes Thema, deswegen belasse ich es hier bei dieser Fussnote und Randnotiz.