Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!

Posted on 22. April 2016

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© Stefan Scherer

© Stefan Scherer

Predigt im Gottesdienst am 17.04.2016 in Elze

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Dies war die Jahreslosung 2013, und es ist ein Bibeltext, der bei mir immer wieder einen ungeahnten Impuls auslöst: bis heute hängt er in meinem Büro an einer für jeden gut sichtbaren Stelle, und fast täglich nehme ich ihn innerlich wahr.

Und nicht nur mir geht das so, auch andere sind von diesem Text geleitet und berührt. Einer ist der Journalist Dr. Frank Hoffmann, ein begeisterter Läufer wie ich. Als er im Jahre gerade die Chefredaktion der Laufzeitschrift RUNNER’S WORLD übernommen hatte, rief ihn ein Leser an und sagte:

„Ihr habt doch in Eurem Heft immer Interviews mit Prominenten, die laufen. Ich hätte da einen Vorschlag: die Bischöfin Margot Käßmann aus Hannover.“

Hoffmann wehrte ab: „Um Gottes Willen, wer interessiert sich denn für eine joggende Bischöfin?“

Doch nach dem Auflegen dachte er sich: Na ja, für eine Weihnachtsausgabe kannst du das mal als Plan B notieren. Und komischerweise liess ihn, den zum damaligen Zeitpunkt noch bekennenden Atheisten, der Gedanke nicht los. Wenige Tage später rief er beim Landeskirchenamt an – und bekam sofort einen Termin mit der damaligen Bischöfin. Zur Vorbereitung des Gesprächs überflog er einige ihrer Bücher. Leichte Lektüre, dachte er zunächst, aber mit jeder Seite fühlte er sich tiefer berührt. Es war, als würde jemand die dicke Staubdecke wegfeudeln, die sich in in seinem Kopf auf die Kiste „Religion“ gelegt hatte, so beschreibt er das heute.

Und während seines Gesprächs in Hannover öffnete sich sogar ein wenig der Deckel der Kiste. Margot Käßmann erzählte ihm von der Verwandtschaft des Laufens mit der christlichen Mystik und von der Ähnlichkeit des Betens und des Laufens. Für beides brauche man Disziplin und Routine. Er fragte sie, welche Bibelstelle sie auswählen würde, wenn sie über das Laufen zu predigen hätte, und sie antwortete ihm mit den Sätzen aus dem gerade gehörten Hebräerbrief-Text: „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, … und lasst uns laufen mit Geduld“.

Diese Begegnung veränderte ihn. Nicht sofort, aber nachhaltig. Genauer gesagt waren es zwei auf einander bezogene Lektionen, die ihn in der Folgezeit mit zunehmender Intensität beschäftigten: zum einen die ganz praktische Anregung, beim Laufen einer spirituellen Kraft nachzuspüren, zum anderen der eher beiläufige Hinweis auf das Motiv des „wandernden Gottesvolkes“, von dem der Hebräerbrief spricht.

Beides bewegt mich auch.

Jedem Läufer ist das Phänomen nur zu gut bekannt, dass die körperliche Bewegung den Geisteszustand verändert: Nach einem Lauf bin ich immer in einer anderen Stimmung als vorher; fast immer in einer besseren. Da ist mir beispielsweise eine Aufgabe, die mich vorher so gestresst hat, nach dem Lauf eine willkommene Pflicht, auf die ich mich regelrecht freue. Oder mir fällt plötzlich die Lösung für ein Problem ein, das mich tagelang belastet hat. Ein Lauf hat eine reinigende Wirkung für Kopf und Körper. Die Sauerstoffdurchflutung regt unseren Stoffwechsel an, Stresshormone werden abgebaut und Glückshormone ausgeschüttet. Die Grenzen zwischen Ich und Du, zwischen Innen- und Außenwelt verschwinden. Nicht von ungefähr sagen viele Läufer: Nach ein paar Kilometern fühle ich mich eins mit Gott und der Welt.

Dr. Hoffmann hat sich beim Laufen auf den Weg zu Gott über das Laufen gemacht hat: er wollte diese starken mentalen Kräfte durch das Laufen nutzen, um bei Gott anzuklopfen. Ihm war klar, dass es für ihn keinen geeigneteren Ort dafür geben konnte als beim Laufen, denn ein Gottesdienst war ihm eine Veranstaltung mit sieben Siegeln. Auch im berühmten stillen Kämmerlein kam ihm alles Mögliche, nur nicht Gott in den Sinn. Wenn es für ihn überhaupt funktionieren sollte, dann beim Laufen.

Doch wie sollte er den Kontakt herstellen? Er spürte schon, dass nicht er Gott anrufen musste, sondern dass Gott ihn schon längst angerufen hatte – und jetzt auf ihn wartete. Doch er stand vor dem Problem, das Paulus im Römerbrief benennt: „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen“ (Röm 8,26). Die Bibel kennt aber auf diese Frage glücklicherweise auch eine Antwort – das Gebet, das Jesus seinen Jüngern lehrte, das Vaterunser. Das wurde fortan sein täglicher Begleiter – so wie es das für viele von uns ist.

Mir ist das Vater Unser auch sehr, sehr lieb, denn es hat so wenige Voraussetzungen. Es ist darin weder von Jungfrauengeburt noch von Auferstehung oder Trinität die Rede – es ist eine schlichte Zwiesprache zwischen Mensch und Gott. Mit jedem Beten erschliesst sich mir der Sinn dieses ganz besonderen Textes ein bisschen mehr. Es hat auch eine zum Laufen passende Dynamik der Bitten – zum Beispiel den ständigen Wechsel zwischen Hier und Dort in den ersten Zeilen. „Unser Vater“ – hier, „in den Himmel“ – dort, „dein Name“ hier, „werde geheiligt“ – dort, usw. Und ich habe entdeckt, dass man in diese sieben Bitten alles hineinlegen kann, was einem auf dem Herzen liegt. Beten in Bewegung… Run with the flow!

Der berühmte Theologe Paul Tillich hat es mal so beschrieben: Gott offenbart sich in dem Maße, in dem wir nach ihm fragen. Das Beten und der Angebetete werden mir immer vertrauter, ich lege das Fremdeln ab und freue mich morgens nach dem Aufstehen schon immer auf diese besondere Begegnung. Hoffmanns Frau pflegte ihn nach dem Lauf immer mit den Worten zu empfangen: „Na, haste jemanden getroffen?“ Eines Tages konnte er ihr antworten: „Ja, den lieben Gott.“ Eine denk-würdige Aussage, oder?

Aber vom Laufen allein wird man kein Christ. Dazu muss man sich schon mit der christlichen Botschaft befassen. Und tut man das, dann trifft man sehr schnell auf das „wandernden Gottesvolks“. Wenn man nämlich genau hinschaut, stellt man fest, dass der Hebräerbrief hier einen roten Faden benennt, der sich durch die ganze Bibel zieht – von der Genesis bis zu den Briefen des Paulus: das Bild der körperlichen Bewegung als von Gott bewirkte Veränderung des Menschen.

Der Urvater Abraham zum Beispiel bewegt sich zu Fuß auf Gottes Geheiß rund 2000 Kilometer durch Kleinasien – von Ur im heutigen Irak nach Harran, Türkei, weiter nach Kanaan, Israel, dann nach Ägypten und wieder zurück nach Kanaan. Der göttliche Befehl an Abraham zum Aufbruch lautet dabei auf Hebräisch „Lech lecha“ (Gen 12,1), was man übersetzen kann mit: „Geh‘ zu Dir selbst!“ Der Weg ist das Ziel! Eine Aussage, die einem Läufer sehr vertraut ist!

Oder die große, 40-jährigen Wüstenwanderung des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft ins gelobte Land. Natürlich braucht man keine 40 Jahre, um vom Nil zum Jordan zu gehen. Schlaue Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Israeliten sich auf Basis dieser Angaben im Durchschnitt nicht mehr als zehn Zentimeter am Tag fortbewegt haben können. Aber hier ging es gar nicht um die geografisch nachprüfbare Route, um das Erreichen eines Laufziels, sondern um die geistige Entwicklung einer ganzen Generation. Gott selbst führte diese Entwicklung an – tagsüber als Wolkensäule, des Nachts als Feuersäule. Der Kontrast zwischen dem, was ist, und dem, was sein kann, hat das Volk Israel vorangetrieben. Der Weg ist das Ziel!

Dabei hatte das Volk Israel sogar ein mobiles Heiligtum mit, die Bundeslade. Die spätere Zentralisierung der Religion mit König, Hauptstadt und Tempel geschah, wie man im Buch Samuel (1Sam 8,1-8) und im Buch der Richter (Ri 9,8-15) nachlesen kann, ausdrücklich gegen den Willen Gottes. Und auf Dauer hat sich dann sogar – trotz Königtum und Tempelbau – in der biblischen Überlieferung der Gott des Weges und das „wandernde Gottesvolk“ durchgesetzt.

Auch der Held des Neuen Testaments ist ein Wanderer – zwischen den Welten, aber auch im Wortsinn auf der Erde. Das Lukas-Evangelium: über weite Strecken ein Reisebericht, die erste große Reise unternimmt Jesus sogar schon vor seiner Geburt von Nazareth nach Bethlehem. Das erste, was Jesu Präsenz auf der Erde auslöst, ist ein Aufbruch: Bei Matthäus sind es die Hirten auf den Feldern, bei Lukas die Weisen aus dem Morgenland, die sich in Bewegung setzen.

Und während seines späteren Wirkens hat Jesus noch nicht einmal eine feste Bleibe, er wohnt provisorisch bei seinem Jünger Petrus im Kapernaum. Einem Schriftgelehrten, der ihm nachfolgen will, sagt er: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). Wenn Jesus zur Nachfolge aufruft, dann meint er es wörtlich: ihm nach folgen, mit ihm gehen. Als zwei Männer erst noch persönliche Dinge erledigen wollen, bevor sie ihm nachfolgen, kanzelt er sie ab, wie wir im Lukas-Evangelium (9,59-62) lesen: Wenn Ihr Euch mir nicht sofort anschließt, dann ist die Chance vertan, dann seid Ihr des Reichs Gottes nicht würdig. Ein hartes, das man nur verstehen kann, wenn man sich die körperliche Bewegung dazu denkt. Wer in Bewegung ist, lässt sich nicht so einfach aufhalten. Es gibt nur eine Chance, sich ihm direkt anzuschließen – wenn er gerade bei dir ist.

Die Zielstrebigkeit des Läufers hat auch Paulus beeindruckt, der mit seinen geschätzten 30 000 Reisekilometern, davon rund ein Drittel zu Fuß, distanzmäßig alle anderen biblischen Gestalten in den Schatten stellt. Im Jahr 51 besuchte er die Isthmischen Spiele in Korinth, die damals zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt nach den Olympischen Spielen. Kurz darauf schreibt er seinen ersten Brief an die korinthische Gemeinde, in dem er die Läufer als Vorbild anpreist:

»Wisst ihr nicht, dass in der Kampfbahn alle laufen, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen« (1Kor 9,24f.).

Sie sehen, in der Bibel wird sich viel bewegt. Die Bewegung bringt uns weiter, bringt uns im besten Fall zu Gott. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus von sich (Joh 14,6); „der neue Weg“ nannten sich auch die ersten Christen der Urgemeinde. Der Hebräerbrief hat dann mit dem Motiv des „wandernden Gottesvolks“ den großen Bogen vom Volk Israel zu den Christen geschlagen: Christsein heißt in Bewegung sein. Als Christ ist man nie ganz zufrieden mit sich – man möchte sich immer weiter entwickeln. Der christliche Glaube ist ein Trainingsprogramm für das ganze Leben.

Was uns vorantreibt, ist nicht nur das Streben, uns selbst zu entwickeln, sondern auch die Verheißung, an die wir glauben: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1Joh 3,2). Oder in den Worten des Hebräerbriefs: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Glaube ohne Hoffnung ist leblos. Hoffnung ohne Verheißung ist nicht mehr als Optimismus. Die Verheißung macht unseren Glauben und unsere Hoffnung zu mehr als einer Lebenseinstellung, nämlich zu einer existenziellen Bestimmung. Sie verändert uns, macht uns zu neuen Menschen, sie ist die göttliche Speise, mit deren Hilfe Elia 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste zieht.

Tatsächlich, da ist sie, die magische Zahl 40. Sie verbindet meine Gedanken mit dem Marathon, den ich gerade gelaufen bin. Wie Sie vielleicht wissen, ist der Marathon mit einer Distanz von 40 Kilometern in die Neuzeit gestartet. Das krumme Anhängsel – 42,195 Kilometer – verdanken wir den Olympischen Spielen 1908 in London, wo die 40 Kilometer vom Startpunkt am Schloss Windsor nicht ganz bis zur königlichen Loge im Olympiastadion reichten.

Der biblische Marathon dreht sich allerdings auch sehr häufig um die Zahl 40, die 40 scheint von alters her etwas Besonderes zu sein: einerseits groß genug, um eine Herausforderung darzustellen, andererseits klein genug, um sie gerade noch bewältigen zu können. Neben der Elia-Geschichte begegnet uns die 40 mehrfach bei der Sintflut, 40 Jahre irrt das Volk Israel durch die Wüste. 40 Tage verbringt Moses auf dem Berg Sinai, um von Gott die Gesetze zu empfangen. 40 Tage setzt sich Jesus nach seiner Taufe in der Wüste der teuflischen Versuchung aus, 40 Tage liegen zwischen seiner Auferstehung und Himmelfahrt. In allen diesen Beispielen steht die Zahl 40 für den Weg zu Gott und für die Veränderung, die mit dem Gehen dieses Weges verbunden ist.

Und wenn man das mit dem Marathon mal wörtlich nimmt, so wie ich es zusammen mit vielen, eben auch christlichen Läufern am letzten Wochenende beim Marathon in Hannover getan habe, dann kann man eine ganz besondere und durchaus christliche Erfahrung machen:

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr hat gesagt, dass man das Ostermysterium, die Auferstehung Christi, nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst Ähnliches erlebt hat: einmal ganz den Boden unter den Füßen verlieren und dann die Erfahrung machen, dass Gott uns auffängt, so dass wir am Ende lebendiger sind als vorher.

Beim Marathon kommt man etwa bei Kilometer 35 an den kritischen Punkt, wo sich der Stoffwechsel von der Kohlenhydrat- auf die Fettverbrennung umstellen muss. Das ist ein sehr gefürchteter Moment unter Läufern, weil er mit einem Gefühl völliger Schwachheit verbunden ist. Läufer sprechen hier vom Mann mit dem Hammer – von einer Sekunde auf die andere fällt man in ein bodenloses Loch – ich habe das schon erlebt in einem Trainingslauf, von einem Schritt auf den nächsten geht nicht mehr. Dann hilft nur die Überwindung dieser kompletten körperlichen Leere. Dann hat der Körper sich nach zwei, drei Kilometern daran gewöhnt – und man läuft mit neuer Energie ins Ziel.

Aber wenn man in diesem Moment absoluter Schwachheit nur in sich selbst nach neuen Kräften sucht, wird man wahrscheinlich nichts finden. Man braucht die Hilfe von außen um weiterzulaufen – man schaut in die Gesichter der anfeuernden Zuschauer, man nimmt den Rhythmus der Musikkapelle auf – oder man baut auf Gottes Hilfe. Das ist für mich der christlichste Moment beim Marathon: das Gefühl, völlig auf Hilfe angewiesen zu sein – und der gleichzeitig erfahrenen Gewissheit, dass mir geholfen wird. Da wartet im Marathon Gott auf mich – und da öffnet sich ein kleiner Ausblick auf die zukünftige Stadt.

Amen.

Die Predigt beruht auf diesem Text:

https://www.evangelisch.de/inhalte/85885/07-07-2013/laufend-unterwegs